Facebook und Fake-News: Wie umgehen mit dem Dilemma?

Die schon lange währende Debatte um die Frage, inwiefern Facebook Einfluss auf politische Entscheidungen hat, erfährt seit der US-Wahl neuen Aufschwung. KritikerInnen des sozialen Netzwerks orten fehlende Einsicht und ein Leugnen der Verantwortung. Mark Zuckerberg hat wiederum die Kritik als „ziemlich verrückt“ abgetan.

Um beide Positionen zu verstehen, gilt es einige Punkte zu beachten. Der wohl wichtigste dabei ist, dass Facebook sich nicht als Medium, sondern als Distributionskanal versteht. Wenn junge Mazedonier also fake News über Trump produzieren und diese über Facebook vertreiben, ist aus Zuckerbergs Sicht nicht das soziale Netzwerk zur Verantwortung zu ziehen, sondern jene, die die falschen Nachrichten schreiben. Ein plumper Vergleich: Wenn ein illegaler Waffenhändler seine Ware mit der Post verschickt, ist nicht der Briefträger der Böse, sondern selbstverständlich der Waffenhändler. Zuckerberg sieht wohl die mündigen Nutzer in der eigenen Verantwortung, verschiedene Quellen zu konsumieren und selbst deren Glaubwürdigkeit zu überprüfen.

Reichweite = Einfluss

Allerdings ist die Sache mit der Distribution eine etwas komplexere: Die riesige Masse an Facebook-Nutzern – derzeit 1,7 Milliarden weltweit – sowie die zunehmende Konzentration des News-Konsums über soziale Netzwerke wie Facebook ist nicht zu leugnen. Facebook wird sozusagen mit ungewollter Verantwortung konfrontiert, einfach weil sehr viele Nutzer fast nur mehr über die Plattform zu richtigen oder auch falschen Nachrichten kommen. Das massive Verbreitungspotenzial von Inhalten spielt also definitiv eine Rolle bei der Meinungsbildung. Außerdem hat Facebook mit Algorithmus-Experimenten bereits bewusst versucht, die Stimmung der User zu beeinflussen.

FotoFilter Bubbles sind nicht unbedingt ein Social-Media-Phänomen

Dennoch ist es zu einfach gedacht, Facebook als Hauptschuldigen etwa für das Trump-Desaster auszumachen. Denn Gerüchte, Falschmeldungen und einseitige Informiertheit sind leider schon viel älter als das Web 2.0. Man denke an so manche ÖsterreicherInnen, die seit Jahrzehnten ausschließlich die Kronen Zeitung abonniert haben, fest davon überzeugt sind, dass Flüchtlinge quasi alle Nichtsnutze sind und am Stammtisch kaum eine Gegenstimme hören. Sie brauchen keine böse Online-Echokammer, um zu ihren Einstellungen zu kommen. Verstärkt werden kann ihre Meinung aber sehr wohl, wenn sie aktiv nach Bestätigung im Netz suchen. Und diese ist heutzutage schnell gefunden. Bei einschlägigen Websites, aber auch bei Facebook-Seiten und Twitter-Accounts.

Busenblitzer sind banaler als Verschwörungstheorien

Deshalb ruft zum Beispiel Wired Deutschland Facebook dazu auf, den Facebook-Algorithmus so zu ändern, dass es den Nutzern leichter gemacht wird, falsche von echten Nachrichten zu unterscheiden und Quellen besser beurteilen zu können. Schließlich schafft es das soziale Netzwerk ja auch, Nacktfotos automatisch zu löschen. In einem System, in dem jeder einzelne Nutzer als Medium fungieren und jedes Posting potenziell viral werden kann, wird wohl auch die smarteste Text-Analyse Facebooks an ihre Grenzen stoßen. Es ist äußerst unrealistisch, dass Facebook als Wahrheits-Finder dienen wird, allein schon wegen der Komplexität der Inhalte.

Eine Bevorzugung von etablierten Qualitätsmedien im Facebook-Newsstream oder auch das Festlegen gewisser Faktoren für die Bestätigung des Wahrheitsgehalts einer Meldung ist aus Sicht vieler sicher wünschenswert – für Mark Zuckerberg widerspricht es aber vermutlich dem „egalitären Wesen“ Facebooks. Außerdem könnte genau ein solcher Algorithmus besonders fehleranfällig für etwa Investigativjournalismus sein, da dieser von der gängigen Berichterstattung abweicht. Und: Bekäme dann etwa die Kronen Zeitung so einen Vertrauensbonus von Facebook, weil sie zum Beispiel auch Vertriebsförderung in Österreich bekommt? Und wollen wir überhaupt, dass ein soziales Netzwerk bestimmt, was wahr oder falsch ist? Man sieht also recht schnell: Die Zensur von Brüsten ist bei 1,7 Milliarden NutzerInnen wesentlich einfacher als jene von unliebsamen Blogeinträgen.

Die Lösung: Vertrauen und Medienkompetenz

Gibt es also eine naheliegende Lösung für das Problem der Wahrheitssuche auf Facebook? Vermutlich nicht. Der Ausbau von Kooperationen zwischen ernstzunehmenden Medien und Facebook kann ein Beitrag dazu sein; die Konzentration auf die Schulung von Medienkompetenz in allen Altersgruppen ein anderer; und womöglich endlich die Erkenntnis der Medien, dass sie NutzerInnen erreichen müssen, die ihre Filterbubble genau so lieben wie sie ist. Ein Durchbrechen dieser Bubble ist also eine Herkulesaufgabe.