Interview: Star-Agentin über den Oscar-Rummel

Im März 2011 besuchte ich Verwandte in Aspen, Colorado. Wir Österreicher sind in Sachen Promi-Skiorte ja einiges gewöhnt, Aspen kann das aber noch toppen. Im Kitzbühel Amerikas läuft kaum jemand auf der Straße herum, der nicht eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen hätte. Eine der vielen Personen, die ich dort kurz kennenlernen durfte, war Martha Luttrell. Zwischen Kaffeehaus und Bookshop wurden wir einander vorgestellt und wechselten ein paar Worte, erst dann erfuhr ich, dass sie quasi mit ganz Hollywood auf Du und Du ist: In der Mailingliste von Martha zu landen kann schon kurios sein, da ist man dann in CC mit Tom Cruise und Co. Als dieses Jahr die Oscars näher kamen erinnerte ich mich an das kurze Treffen und kontaktierte Martha, die als Schauspiel-Agentin für ihre Stars beim Oscar Stammgast war. Kaum fiel das Schlagwort plauderte sie fröhlich aus dem Nähkästchen:

Veröffentlicht auf KURIER.at am 24.2.2012.

Martha Luttrell war als Agentin von Stars wie Susan Sarandon Stammgast bei den Oscars. KURIER hat sie einige Andekdoten erzählt.

KURIER: Verfolgen Sie die Oscar-Verleihung noch, jetzt wo Sie in Pension sind?

Martha Luttrell: Ja, ich bin aber sehr froh, dass ich den Rummel von der Couch aus im TV sehen kann und nicht mehr dabei sein muss. Ich war immerhin 36 Jahre lang im Business, das war genug. Früher haben wir die Verleihung mit in paar Freunden auch manchmal bei Housepartys angeschaut, die hatten es aber in sich (lacht).

Sie wussten sicher zu feiern …

Natürlich, dort wurden sogar Ehen begründet. Einmal war Billie Friedkin (Filmemacher, bekannt für “Der Exorzist”, “The French Connenction” oder heute auch mitwirkend bei “C.S.I. – Den Tätern auf der Spur, Anm. d. Red.) mit einer Sherry Lansing, jahrelang Präsidentin von Paramount Pictures und eine Freundin von mir, dort. Sie kannten sich erst ganz kurz. Drei Monate später haben sie geheiratet und sind es noch bis heute zusammen, und zwar glücklich. Billie ist übrigens gerade in Wien, weil er in Wien die Oper “Les contes d`Hoffmann” inszeniert, die sollten Sie sich alle anschauen. Premiere ist am 19. März im Theater an der Wien.

Wie hat der Oscar die Karrieren ihrer Klienten Susan Sarandon (Oscar 1995, nominiert 1984), Stephen Rea (nominiert 1993), oder Judy Davis (nominiert 1984 und 1992) beeinflusst?

Falls das eine Anspielung auf den sogenannten “Oscar-Fluch” sein soll – daran glaube ich nicht. Die Auszeichnung ist für jeden Schauspieler sehr wichtig, obwohl das Tamtam für die meisten eine große Belastung ist.

Inwiefern?

Es sind verständlicherweise alle extrem nervös. Dann sagt auch noch jeder dem Nominierten, dass er “sicher gewinnen wird”. Bei dieser Aussage zog sich immer mein ganzer Magen zusammen. Wenn dann die Gewinner und Verlierer feststehen, gibt es nichts Besseres als gemeinsam mit den Gewinnern zu feiern. Die, die nicht gewonnen haben, bekommen dann eben ein paar Drinks mehr. Oft ist es auch hart, wenn zwar der Schauspieler einen Oscar bekommt für einen Film, nicht aber der Regisseur. Als Susan Sarandon zum Beispiel für “Dead Man Walking” den Oscar bekommen hat, ging ihr Partner Tim Robbins leer aus.

Was war für Sie der schönste Moment bei den Oscars?

Das war 1981, als Mary Steenburgen für ihre Rolle in “Melvin and Howard” nominiert war. Bei der Verleihung war sie bereits hochschwanger und auch höchst aufgeregt. Wir hatten schon Angst sie würde das Kind jeden Moment bekommen. Dann hat sie auch noch gewonnen. Alle haben sich so für sie gefreut, es war einmalig. Und das Baby kam zum Glück etwas später.

Können Sie sich noch an ein kurioses Ereignis bei den Oscars erinnern?

Da gibt es einige. Recht amüsant war der Moment, als ich mit Judy Davis in der Limousine am Weg zur Verleihung war. Judy hat versehentlich Wasser auf ihr Armani-Kleid geschüttet. So konnte sie natürlich nicht aus dem Auto aussteigen und den Red Carpet betreten. Und was sagt sie? “Was für ein Glück! Jetzt muss ich nicht zur Verleihung!” Judy Davis dachte ernsthaft, der Abend bleibt ihr erspart. Wir sind aber zuerst Backstage zur Outfit-Notversorgung gefahren und dann erneut beim Haupteingang aufgetreten. In den Limousinen am Weg zur Verleihung kann überhaupt noch ganz viel passieren: Als Susan Sarandon bereits das fünfte Mal nominiert war, gingen im Auto ihre Ohrringe kaputt. Aber dann gewann sie, also kein schlechtes Zeichen! (lacht)

Wie läuft der Voting-Prozess ab?

Ich bin zwar Mitglied der Academy, darf aber als Agentin nicht für die Oscars abstimmen. Wir haben jahrelang versucht, dass auch die sogenannten “Associate Members” der Academy abstimmen dürfen, immerhin haben wir einen interessanten Standpunkt zu vertreten. Es ist uns aber leider nicht gelungen. Ich bekomme aber immerhin alle Filme vorher zugeschickt.

Schauen Sie sich alle an?

Eigentlich schon. Es sind gar nicht so viele, und Dokumentationen sind nicht dabei. Sagen Sie den Leuten aber nicht, wo ich wohne (lacht). Wenn die falsche Person eine DVD, die an mich adressiert ist, in die Hand bekommt, könnte das schlimme Folgen für mich haben. Sie Filme sind nämlich alle gekennzeichnet und wenn einer davon im Internet landet … Sie können sich vorstellen, was dann passiert.

Die Biografie: ein American Dream

Die Oscar-Partys hatten es in sich: “Wir haben oft bis zum Morgengrauen gefeiert.”Martha Luttrell hat 36 Jahre lang als Agentin in Hollywood Stars wie Susan Sarandon und Steven Rea betreut. Den Oscar-Rummel kennt sie nur allzu gut. Als Martha Luttrell Anfang der Achtziger Jahre als Agentin in Hollywood anfing, war sie als Frau dort eine absolute Ausnahme.

“Für die Generation meiner Mutter gehörte es zur einzigen Aufgabe einer Frau, eine gute Ehefrau und Mutter zu sein”, erinnert sie sich. Luttrell entschied sich aber für einen anderen Weg: Bereits mit 18 zog die Balletttänzerin von Vancouver nach Los Angeles um dort den American Dream zu leben: Den Anfang machte sie als Empfangsdame bei einem Plattenlabel, bald darauf landete sie als Assistentin bei Mike Nichols, der gerade an einem Film namens “Catch 22″ arbeitete: “Die Jahre mit Nichols waren mein Harvard” resümiert sie. Fünf Jahre, drei Filme und zwei Broadway-Produktionen später hatte Luttrell die Einflussreichsten Hollywoods und das Filmbusiness kennengelernt. Ein Bekannter schlug ihr schließlich vor, mit ihm gemeinsam eine Agentur aufzumachen. “Ich hielt das für keine besonders gute Idee. Ich mochte Agenten nicht. Außerdem wirkte der Job auf mich weder passend für eine Frau noch interessant. Tatsächlich gab es damals fast gar keine Frauen, die als Agenten arbeiteten. Aber ich hab’s dann probiert und den Job lieben gelernt.”


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