Warum wir beim STANDARD keine Social-Media-Guidelines haben

Der Text ist ursprünglich bei derStandard.at erschienen.

Seit die “New York Times” ihre Social-Media-Guidelines präzisiert hat, wird auch in Österreich immer wieder nach strengeren Regeln für Journalistinnen und Journalisten gerufen. Nach einigen Jahren des aktiven Postens ist vielen Unternehmen, nicht nur Medienunternehmen, der Umgang ihrer Mitarbeiter mit ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit aus den Händen geglitten. Oder, besser gesagt: In letzter Zeit realisieren sie diesen Kontrollverlust, den es seit der Existenz von Social Media gibt. Wo vor ein paar Jahren noch alle Journalisten ermutigt wurden, Twitter und Facebook zu nutzen, fürchtet sich jetzt so manche Chefetage davor, dass es zu viel verwendet wird – weil es eben oft zum Nachteil der Unternehmen ist.

Was also tun bei Arbeitnehmern, die während ihrer Arbeitszeit exzessiv twittern, bei Breaking News Situationen zuerst auf Facebook posten anstatt die Redaktion zu informieren oder die ihre private Teilnahme bei Demos posten und somit ihre politische Einstellung öffentlich teilen? Gar nicht zu sprechen von jenen, die rüpelhaft andere beschimpfen oder gar bedrohen.

Es gibt längst klare Regeln

Die erste Reaktion bei vielen Unternehmen ist: “Wir brauchen strenge Regeln und eine Arbeitsgruppe.” Das ist nachvollziehbar, aber aus meiner Sicht vergeudete Zeit. Denn diese Regeln gibt es längst, sie sind generell bekannt unter “journalistischer Ethos”: Kein Medienmensch würde denken, dass oben genannte Faux-Pas zum Beispiel auf Podiumsdiskussionen oder im Kommentar des eigenen Mediums passend wären. Und jeder – zumindest bei Qualitätsmedien – weiß, dass Objektivität in Berichten wichtig ist und Kommentare klar gekennzeichnet sein müssen. Und trotzdem liest man ständig Postings in sozialen Netzwerken, bei denen man eigentlich nur den Kopf schütteln kann.

Die schönste Guideline wird das nicht lösen

Aber auch die am besten formulierten Regeln werden das Problem nicht beseitigen. Gerade beim STANDARD setzen wir immer schon auf Eigenverantwortung und darauf, dass alle Kolleginnen und Kollegen intelligent und vernünftig sind. Alle Journalisten könnten theoretisch jederzeit die komplette Seite 1 umbauen und zum Beispiel ihren eigenen Artikel zum Aufmacher machen. Das tun sie aber nicht, oder eben nur, wenn es sinnvoll ist. Meistens werden soziale Netzwerke ja auch vernünftig bedient.

Dialog über jeden einzelnen Fall

Eine klare Bedienungsanleitung gegen Social-Media-Fails gibt es aber nicht, und das ist genau der Punkt. Die Problemstellungen sind so wie die Pralinenschachtel bei “Forrest Gump”: Man weiß nie, was man kriegt. Und je nachdem gilt es, den Dialog zu suchen. Im Idealfall muss tatsächlich einzeln über problematische Posts gesprochen werden und Bewusstsein darüber geschaffen werden, was okay ist und was nicht. Denn ein in irgendeinem Ordner abgelegtes Guideline-File liest niemand. Und wenn, ist das beim nächsten Twitter-Eklat wieder vergessen. In Extremfällen stößt man auf totale Uneinsichtigkeit und an die Dialoggrenzen. Dann wird es richtig problematisch. Aber das ist eine andere Geschichte.

Same company, new job

Seit 1. Dezember habe ich eine neue Aufgabe bei derStandard.at, und zwar als Head of Audience and Traffic Management. Zugegeben, meine Chefin Gerlinde Hinterleitner und ich haben lange überlegt, wie wir einen besonders treffenden Bullshit-Bingo-Titel ;-) erfinden können, der möglichst fancy klingt, noch fancier sind aber die Tätigkeiten des Teams, das ich leiten darf: Gemeinsam mit meinen Kolleginnen Lisa Hanzl, Cristina Coconu, Sabine Henhapl und Barbara Hautzendorfer verantworte ich die Maßnahmen, die dazu führen, User auf die Inhalte von derStandard.at aufmerksam zu machen, sie dazu zu bringen, lange auf der Website zu bleiben und diese Inhalte dann womöglich auch noch mit anderen zu teilen.

Social Media, SEO, ditigales Marketing

Dazu gehören etwa smart SEO, intelligentes digitales Marketing, die richtige Analyse von Daten, die entsprechende „Verpackung“ von redaktionellen Inhalten für unterschiedliche Plattformen oder der passende Ton in sozialen Netzwerken.

Herausforderung

Was mich auch gleich zur meiner Meinung nach wichtigsten Herausforderung in diesem Job bringt: Gerade in Zeiten, wo viele Medien meinen, mit marktschreierischem Getue, nervigen Werbemitteln und der Überflutung von sinnlosen Kampagnen nach Klicks heischen zu müssen, ist es kein Leichtes, genau diese Klicks auch auf erträgliche, ja sogar angenehme und sinnvolle Art zu erreichen.

Ziele

Das ist aber genau unser Ziel: Ruhig bleiben, wenn andere hyperventilieren, nochmal (schnell ;-)) nachdenken, bevor andere schon twittern, Google, Facebook und Twitter weder verteufeln noch vergöttern und ein qualitativ hervorragendes Produkt an mündige und smarte LeserInnen zu kommunizieren.  Das wird oft schiefgehen und hoffentlich noch öfter funktionieren. Und darauf freue ich mich sehr.

Die richtigen Socken für den Erfolg muss ich bald noch kaufen.

Die richtigen Socken für den Erfolg muss ich bald noch kaufen.

Feedback? Immer gern an @lisapetete, lisa.stadler@derStandard.at oder sogar oldschool face to face.“

 

Facebook und die liebe Reichweite

Dass der Egderank der natürliche Feind des Social Media Managers ist, ist ja nichts Neues. Anhand eines einfachen Beispiels kann man aber gut sehen, wie sehr Posts zum Teil “gedrosselt” werden und das Publikum oft nicht erreichen.

Fallbeispiel

Heute wurde bei der Facebook-Seite von derStandard.at mit 116.000 (nicht auf ebay gekauften) Fans ein Bild gepostet und bekam 44 Likes.

Bildschirmfoto 2013-12-01 um 22.31.00Zeitgleich wurde das Bild auch beim Instagram-Account von derStandard.at mit  bescheidenen 438 Followern gepostet. Das verursachte 13 Likes (und ich hab es noch nicht mal selbst geliket ;-)!).

Bildschirmfoto 2013-12-01 um 22.30.33Facebook spielt ja schon lange unterschiedliche Posts unterschiedlich oft aus, das heißt die Posts werden nicht immer für gleich viele Menschen im Newsfeed sichtbar, wenn sie sich durch die Timeline scrollen. Das hat ja auch seinen Sinn, so will Facebook garantieren, dass die User nur relevanten Inhalt sehen, der viel Feedback bekommt.

Fazit

Dieses eine (nicht repräsentative) Beispiel zeigt jedoch, wie massiv die Unterschiede sein könnnen. Klar, ein Werbeposting wie dieses bekommt vielleicht nicht tausende Likes, im Vergleich zum Response auf Instagram muss ich aber in dem Fall davon ausgehen, dass auf Facebook das Posting von viel weniger Menschen gesehen wird, als angegeben und potenziell möglich.

Ich bin zwar schlecht in Mathe und ja, es gibt unterschiedliche Publika für unterschiedliche Netzwerke, aber: Facebook spielt sich da auf eine Art mit der Reichweite, da ist Kaffeesudlesen eine Wissenschaft dagegen. Im Übrigen ist die Kombination aus Punschtrinken und STANDARD-Lesen sehr zu empfehlen.

Der Tag, an dem ich herausfand, dass Alice Munro und der ÖAMTC unter einer Decke stecken

Verschwörungstheorien kosteten mich immer nur höchstens ein müdes Lächeln. Bis zum Wochenende, an dem sich mir folgendes offenbarte:

Auf derStandard.at fand ich ein für Freunde der Sprache recht amüsantes Bild mit einem die Fantasie anregenden Tippsler:

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So weit, so erheiternd. DANN aber ereignete sich etwa eine Stunde nach der ÖAMTC-Entdeckung etwas Erschreckendes. Bei der Lektüre einer der Erzählungen von Alice Munro stach mir DAS HIER ins Auge:

Bildschirmfoto 2013-11-04 um 21.38.25An Zufälle kann ich natürlich jetzt nicht mehr glauben. Es ist vielmehr die ergreifende Wahrheit, dass die Nobelpreisträgerin und der ÖAMTC sich bereits auf die Zombie-Apokalypse vorbereiten und Eingeweihte sich mit Schweinwerfern rüsten. So, jetzt wisst ihr es.

springfestival 2013: ETEPETETE feiert den 6. Geburtstag

Sechs Jahre ist es jetzt schon her, dass ETEPETETE beim springfestival den ersten Auftritt hatte. Auch dieses Jahr haben wir die Ehre unseren Geburtstag in unserer home base mit einem eigenen Abend zu feiern. Dieses Mal in Koop mit der wunderbaren Prasselbande und mit viel Liebe organisiert von @nanepetete. Als warm-up haben wir hier eine Playlist mit ein paar aktuellen Highlights, die meisten davon gibt es live bei unserem Halli Galli zu hören:
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Gastvortrag an der WU

Heute durfte ich einen Abstecher auf die WU machen und einen Gastvortrag zum Thema Social Media und Start-Ups halten. Es war mir eine Ehre und ich hoffe, ich wurde auch verstanden – ich musste das erste Mal auf Englisch vortragen ;-).

Bildschirmfoto 2013-04-19 um 12.34.34Hier noch ein unterhaltsames Video, das ich auch heute als best practice Beispiel hergezeigt habe, thx to Andrew Cracknell:

Warum Sartre ein Twitter-Star wäre

In den letzten Wochen habe ich Sartre (erneut) für mich entdeckt. Bei der Lektüre seiner Briefe wird unter anderem eines klar: Es ist umso mehr schade, dass Sartre nicht mehr lebt, weil er mit Sicherheit ein Twitter-Superstar gewesen wäre. Für ihn und Simone de Beauvoir spielte die Mythologisierung des eigenen Lebens eine große Rolle: Sie schrieben sich ihr Leben sozusagen selbst: Hazel Rowley beschreibt das in “Tête -à-Tête: The Tumultuous Lives and Loves of Simone de Beauvoir and Jean-Paul Sartre” folgendermaßen:

“Both were heavily imbued with what Sartre called ‘the biographical illusion’ – the idea that ‘a lived life can resemble a recounted life’. Already in their adolescence they dreamed of their future lives as if through the eyes of posterity.”

Genau diese “biographical illusion” erheischt die meisten jener, die soziale Netzwerke nützen, jetzt auch. Durch die Erzählungen, die dort gepostet werden, bauen sich die User die eigene Biografie so, wie sie sie sich wünschen. Und viele werden sich wohl schon bei dem Gedanken darüber erwischt haben, wie gewisse Postings wohl in ein paar Tagen, Monaten, Jahren wirken mögen. Sartre schrieb private Briefe mit dem Wissen, ja gar dem Wunsch, dass diese einmal veröffentlicht werden. Diese Haltung punkto Mitteilungsbedürftigkeit und Privatheit hängt natürlich eng mit seiner Ideologie zusammen. Rowley:

“As existentialists, they believed that individuals are no more or less than the sum total of their actions, and offered themselves up willingly to the judgment of posterity. […] To them, the notion of privacy was a relic of bourgeois hypocrisy. […] ‘It wouldn’t occur to me to get rid of letters and documents concerning my private life’, Sartre said. ‘So much the better if this means I will be … transparent to posterity … I think that transparency should always be substituted for secrecy.'”

Briefe dienten Sartre als Möglichkeit der Transkription des unmittelbaren Lebens, hätte er also einen Twitter-Account und einen Blog gehabt, hätte das natürlich dort stattgefunden. Mit mindestens so vielen Followers wie Salman Rushdie sie hat. “Ich schreibe jetzt überall, wo ich mich niederlasse, Briefe […] Man könnte es briefliche Überbeanspruchung nennen”, schrieb er etwa Simone de Beauvoir (Jean Paul Sartre. Briefe an Simone de Beauvoir 1, 1984, S. 114) Oversharing wäre mit Sicherheit eines der Probleme des Sartre im Jahre 2012.

Ist exzessives lebensbegleitendes Posten also vielleicht eh ein alter Hut und keine neue Neurose des 21. Jahrhunderts? Wären abermillionen Briefe, Reiseberichte, Tagebücher – hätte es die Möglichkeit des Postens via soziale Netzwerke damals schon gegeben – im Web gelandet? Wahrscheinlich schon.

The Fancy – das bessere Pinterest

Was Pinterest nicht kann, kann jetzt eine “neue” (?) App namens The Fancy – im Prinzip eine Kopie von Pinterest, bei der man Favorites zu eigenen Alben hinzufügt und das in den social networks teilt. (danke an Nane für den Hinweis)

Der Vorteil ist aber, dass viele Produkte direkt aus der (Facebook-)App heraus gekauft werden können (bei Pinterest ja nur mit externen Links möglich) Und noch besser für Konsumenten und Anbieter: Je mehr man fancied und Freunde aktiviert, desto mehr Bonuspunkte in Form von Bargeld und Badges werden gesammelt, im Grunde die alte Empfehlungslogik. Die Plattform bekommt eine Unmenge an Daten – und die User bleiben konsumsüchtig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Pinterest das auch kann – oder untergeht.

 

Russland, quo vadis?

Weil es mir schon länger im Kopf herumgeistert, ein kurzer Überblick über die Entwicklungen in Russland in den letzten paar Monaten, um zu veranschaulichen wie Putin und seine Entourage nach den im März gewonnenen Wahlen ihre Festung sichern. Vieles davon ist schon alt und es fehlen mit Sicherheit Punkte. Es geht mir eher darum aufzuzeigen, dass die Aktionen für sich sprechen und vielleicht jene upzudaten, die sich nicht jede Woche über Russland informieren:

März 2012: Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot werden festgenommen, nachdem sie mehrere Pop-Up-Konzerte in der Moskauer Innenstadt gegeben hatten, das letzte davon mit provokanten Texten in der Christus-Erlöser-Kathedrale. Der Prozess hat bereits begonnen, ihnen drohnen bis zu sieben Jahre Haft.

März 2012: Anti-Homosexuellen-Gesetz: öffentliche Propaganda von Homosexualität wird verboten, es drohen Strafen von bis zu 13.000 Euro. Die Partei Geeintes Russland rechtfertigt das Gesetz als “Kinderschutz”. Bei Demonstrationen dagegen fanden erste Festnahmen statt.

April 2012: Michail Chodorkovskij muss vier weitere Jahre in Haft bleiben. Kurz bevor Medvedev das Präsidentenamt wieder an Putin abgab, ließ er durch eine Prüfung der Urteile auf eine Begnadigung des Kremlkritikers hoffen, der bereits seit 2003 inhaftiert ist. Aber nichts da, der in Ungnade gefallene Unternehmer muss bis 2016 im Gefängnis bleiben.

Juni 2012: Parlament schränkt Demonstrationsrecht ein: Etwa 150fache Erhöhung der Strafe für die Teilnahme an nicht genehmigten Demonstrationen. Damit haben mit Sicherheit noch mehr RussInnen Bedenken zu demonstrieren. Bereits als ich im März in Moskau war, weigerten sich Bekannte zu (angemeldeten) Demos zu gehen, weil die Angst vor einer Festnahme und damit einem Vermerk zu groß war.

- Juni 2012: Hausdurchsuchungen bei Oppositionellen, darunter Blogger Alexej Navalny. Dieser twitterte live von der Durchsuchung inklusive Fotos.

Juni 2012: angebliche Morddrohung des Leiters der Ermittlungsbehörde Alexandr Bastrykin gegen Journalist der Novaja Gazeta, Sokolov. Der Journalist flieht ins Ausland.

Juli 2012: Putin setzt Agentengesetz in Kraft: Alle NGOs, die internationale finanzielle Unterstützung bekommen, müssen sich von fortan als “Agenten” deklarieren: Die Folgen sind strengere Finanzkontrollen, mögliche höhere Strafen und eine versuchte Minderung des ausländischen Einflusses auf die russische Innenpolitik.

Juli 2012: Chefermittler Bastrykin, bereits oben erwähnt, wird von Blogger Navalny wegen Immobilien- und Visaaffäre angegriffen. Navalny droht eine Verleumdungsklage.

Juli 2012: Gesetz, das Sperrung “gefährlicher” Internetseiten ermöglicht, wird erlassen.

Achja, und da wäre dann noch die russische Unterstützung des Assad-Regimes.

Begleitet werden diese (und andere) Entwicklungen in Russland von Protesten, die meiner Wahrnehmung nach aber zur Zeit etwas abflauen (wen wundert’s). Andererseits haben sich anscheinend oppositionelle Taskforces gegründet, die ein Programm ausarbeiten, welche Ziele mit dem Protest genau verfolgt werden sollen. Das ist nämlich bis jetzt eine der Schwächen der SystemkritikerInnen: Es gibt noch zu pauschalisierte Forderungen für die Zukunft ohne Putin – falls so eine überhaupt noch irgendwie vorstellbar ist …

 

Neues Buch: Was war der Hipster?

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 14.2.2012.

Es mehren sich die Nachrufe auf die Subkultur des Hipsters. Gab es ihn in Österreich überhaupt, wie sah er aus und ist er wirklich tot?

Trucker-Kapperl, weiße Socken von der Modekette American Apparel, Hornbrillen in Übergröße, enge Hosen, popkulturelle Referenzen an Peinlichkeiten aus den 80er Jahren am T-Shirt und vielleicht noch ein Schnauzer – so laufen einige junge Menschen in den Großstädten dieser Welt herum. Was auf den ersten Blick wie unglaublich geschmacklos gekleideter “White Trash” rüberkommt, sind die sogenannten Hipsters. Ideologisch wird es noch komplizierter – oder auch einfacher: denn der Hipster hat keine Meinung, ist sehr wandelbar – und hoch gebildet.

Kaum erklärt und schon vorbei?

Nun soll auch schon wieder das Ende des Hipsters gekommen sein. Denn spätestens wenn der Feuilleton darüber schreibt, sieht es für die Subkultur schlecht aus. Hierzulande fand etwa beim Falter ein Abgesang auf den Hipster statt, das Magazin The Gap schrieb einen Nachruf – unter anderem als Reaktion auf das Anfang des Jahres im renommierten Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erschienenen Buch “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”. Der New Yorker Mark Greif von n+1 versammelt darin als Herausgebe mehrere Experten, um sich dem Wesen des Hipsters sozialwissenschaftlich zu nähern. Nach der Lektüre ist klar, dass der Hipster keine klar definierten Grenzen hat, es aber doch ein paar wichtige Wesenszüge gibt, die an ihm festzumachen sind: Unpolitisch, hedonistisch und konsumorientiert wandelt er durch die Online-Stores dieser Welt und überlegt sich, welche ironische Geste er mit seinem neuen T-Shirt anstreben könnte.

Wie sieht es nun in Österreich aus? Jonas Vogt, Redakteur bei The Gap und gelegentlich beim Hipster-Leitmedium Vice tätig, sieht das Hipstertum als Phänomen der Nuller-Jahre, das als abgeschlossen betrachtet werden kann. “Der Hipster als geschlossenes Phänomen, also die stilistische Oberfläche mit Schnauzbart und Co. ist auch hier quasi tot. Was aber bleibt, ist das Aneignen von verschiedenen anderen popkulturellen Codes.” Das Internet begünstigte laut Vogt die Entstehung des Hipsters, trug aber auch zu seinem Niedergang bei: “Früher war es schwierig, Insiderwissen zu bekommen. Man musste bestimmte Leute fragen, wenn man wissen wollte, was angesagt ist. Durch das Internet wurde es für jeden leicht, neue Trends einfach zu googeln und die richtigen Orte zu finden. Andererseits findet aber auch das Einprügeln auf den Hipster im Internet statt.

Eine bemitleidenswerte Figur

“Hipster – Eine transatlantische Diskussion” erschien Anfang 2012 im Suhrkamp Verlag. Erhältlich um € 18 im Paperback, Kindle-Version um € 14.Auf die Frage, ob er sich selbst als Hipster bezeichnen würde, bestätigt Vogt eine Feststellung aus dem Buch von Mark Greif: “Es gibt niemanden, der sich selbst als Hipster bezeichnen würde, außer es ist an sich schon wieder eine ironische Aussage. Einerseits ist Hipster also eine Beleidigung, andererseits kann man diese Bezeichnung auch als Statement tragen. Hier sieht man auch ganz gut die postironische Falle, in die die meisten Hipster treten: Wenn alles ironisch ist, inklusive der Ironie, bleibt halt keine Aussage mehr übrig. So bleibt nur eine Oberfläche bestehend aus Mode-Statements. Insofern ist der Hipster durchaus eine bemitleidenswerte Figur, wobei wir aber infrage stellen müssen, ob es diesen Prototypen wirklich gibt.”

Ob tot, halbtot oder noch lebendig: Nachdem die zwei Jahre Abstand zu den Nuller-Jahren ein Resümee über den Hipster erlauben, bleibt die noch viel spannendere, noch unbeantwortete, Frage: Was kommt nach dem Hipster? Bis wir diese Erkenntnis erlangt haben, können Sie nach ein paar Überbleibseln suchen: Bei American Apparel in der Mariahilferstraße, manchmal in der Pratersauna oder auch bei einer der Vice-Partys – falls sie davon erfahren und auch reinkommen.

Juke: Neues Musik-Streaming-Service

Autorin: Lisa Stadler, erschienen auf KURIER.at am 20.12.2011

Der KURIER hat sich das im Dezember gestartete Musik-Streaming Portal Juke im Vergleich mit Rara und Spotify genauer angesehen.

Derzeit sprießen die `Streaming Services` ja wie Schwammerl aus dem Boden”, bringt es Walter Gröbchen, österreichischer Musikindustrieauskenner und Labelbetreiber, auf den Punkt. Gerade erst probieren die österreichischen Facebook-Nutzer Spotify aus, schon gibt es noch mehr Angebote: Juke, ein deutsches Unternehmen mit mehrheitlicher Beteiligung der Media-Saturn-Unternehmensgruppe, ist noch sehr frisch am Markt, Rara.com ist ein weiteres ähnliches Portal. Zeit für einen Überblick mit einem neugierigen Fokus auf das noch unbekannte Juke.

Bin ich schon drin?

Der Einstieg ist leicht: 14 Tage lang kann Juke gratis getestet werden, danach kostet der Spaß 9,99 Euro im Monat. Dafür werden dem Hörer rund 12 Millionen Songs geboten, die entweder am PC im Browser oder am Handy gestreamt werden können oder aber auch im Offline-Modus aus der privat erstellten Mediathek abgespielt werden können. Im Gegensatz zu Spotify braucht man bei Juke keinen Facebook-Account für die Anmeldung. Juke ist komplett werbefrei. Preislich liegt Juke somit gleichauf mit der Premium-Version von Spotify und Rara, die auch 9,99 Euro pro Monat kosten.

Die Basics: Hausaufgaben erledigt

Was kann Juke nun eigentlich? Die Klassiker wie Suche und Playlists-Erstellen funktionieren einwandfrei, sowohl am Smartphone als auch am PC. Zudem wird zwischen Mobile App und Browser-Version problemlos synchronisiert. Einzig die Puffer-Zeit, bis ein Track abgespielt wird, lässt den Musikhungrigen ungeduldig werden. Was die Benutzungs-Qualität angeht, ist Juke selbsterklärend, auch das Design sieht nett aus. Der Marketingleiter von Juke, Tobias Brinkhorst bestätigt den ersten Eindruck: “Jetzt in der Startphase konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Einfachheit in der Bedienung ist uns sehr wichtig.”

Rara hingegen entpuppt sich hinsichtlich Bedienerfreundlichkeit als herbe Enttäuschung: Das Design ist abschreckend hässlich und die Benutzung wenig intuitiv. Außerdem hat es Rara geschafft, auch sprachlich daneben zu greifen. Beim Sharen auf Facebook sagt einem das Service “Zeige auf Facebook”, oder die User können ihren Launen entsprechend Musik hören, wie etwa mit der Liste “Mir geht’s prima!”.

Empfehlungen von anderen Usern fehlen bei Juke zur Zeit noch, was wohl daran liegt, dass es kurz nach dem Start noch nicht genug Userdaten gibt. Daran wird aber gearbeitet, so Brinkhorst.

Reichen ein paar Millionen Songs?

Auch der Suche nach Interpreten abseits des Mainstream bleibt Rara hinter Spotify und Juke zurück: Will man zum Beispiel Dirty Doering hören, spucken Juke und Spotify 21 Tracks aus, Rara nur zwei. Bei einem Angebot von 13 Millionen Songs stellt sich aber wahrscheinlich nur für wenige das Problem, dass das Angebot zu gering ist.

Wer nicht weiß, was er hören will, kann sich bei den Juke Charts bedienen, die musikalisch im Kronehit-Style daherkommen, oder auch in eines der Mixtapes zu verschiedenen Themen reinhören. Die Liste “Oh du abstruse Weihnacht” macht zumindest neugierig.

Einsames Musikhören

Anders als bei Spotify fällt die Anbindung an soziale Netzwerke noch spartanisch aus. Einzelne Tracks können bei Juke gar nicht gepostet werden, Rara bietet nur die Sharing-Möglichkeit für Facebook an, nicht aber für Twitter. Brinkhorst teilt uns aber mit, auch hier noch aufholen zu wollen: “Wir werden die Sharing-Funktionen auf jeden Fall ausbauen. Dass man bei Juke aber keinen Facebook-Account braucht, ist ein Vorteil.”

Resümee: genug Platz für alle Services?

Während Rara unter ferner Liefen liegt, erfüllt Juke zumindest die Basisanforderungen für den Streaming-Musikgenuss. Mit einem Überangebot an Musikkonsum-Möglichkeiten im Netz hat es das neue Service aber sicher nicht leicht. Einerseits machen sich größere Kollegen wie Spotify bereits breit, Nischenprodukte wie Soundcloud oder die Mix-Streaming-Portale Mixcloud und Play.fm haben sich bei Special Interest Gruppen etabliert.

“Dass gerade so viele Anbieter auf den Musikstreaming-Zug aufspringen, zeigt, dass hier viel Potenzial liegt. Ich sehe das positiv und denke, dass es dann einfach ein paar Portale nebeneinander gibt.” meint Tobias Brinkhorst. Juke ist sicher etwas für Facebook-Abstinenzler und Normalverbraucher an Musik, die auch bereit sind für ihren Konsum Geld auszugeben. Walter Gröbchen wartet mit seinem Label nüchtern auf das Ergebnis vom nächsten Jahr: “Dass die MusikerInnen von monkey dort mal vertreten sind, ist grundsätzlich gut. Im Detail werden wir uns dann die Abrechnungen 2012 anschauen.”