Interview: Star-Agentin über den Oscar-Rummel

Im März 2011 besuchte ich Verwandte in Aspen, Colorado. Wir Österreicher sind in Sachen Promi-Skiorte ja einiges gewöhnt, Aspen kann das aber noch toppen. Im Kitzbühel Amerikas läuft kaum jemand auf der Straße herum, der nicht eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen hätte. Eine der vielen Personen, die ich dort kurz kennenlernen durfte, war Martha Luttrell. Zwischen Kaffeehaus und Bookshop wurden wir einander vorgestellt und wechselten ein paar Worte, erst dann erfuhr ich, dass sie quasi mit ganz Hollywood auf Du und Du ist: In der Mailingliste von Martha zu landen kann schon kurios sein, da ist man dann in CC mit Tom Cruise und Co. Als dieses Jahr die Oscars näher kamen erinnerte ich mich an das kurze Treffen und kontaktierte Martha, die als Schauspiel-Agentin für ihre Stars beim Oscar Stammgast war. Kaum fiel das Schlagwort plauderte sie fröhlich aus dem Nähkästchen:

Veröffentlicht auf KURIER.at am 24.2.2012.

Martha Luttrell war als Agentin von Stars wie Susan Sarandon Stammgast bei den Oscars. KURIER hat sie einige Andekdoten erzählt.

KURIER: Verfolgen Sie die Oscar-Verleihung noch, jetzt wo Sie in Pension sind?

Martha Luttrell: Ja, ich bin aber sehr froh, dass ich den Rummel von der Couch aus im TV sehen kann und nicht mehr dabei sein muss. Ich war immerhin 36 Jahre lang im Business, das war genug. Früher haben wir die Verleihung mit in paar Freunden auch manchmal bei Housepartys angeschaut, die hatten es aber in sich (lacht).

Sie wussten sicher zu feiern …

Natürlich, dort wurden sogar Ehen begründet. Einmal war Billie Friedkin (Filmemacher, bekannt für “Der Exorzist”, “The French Connenction” oder heute auch mitwirkend bei “C.S.I. – Den Tätern auf der Spur, Anm. d. Red.) mit einer Sherry Lansing, jahrelang Präsidentin von Paramount Pictures und eine Freundin von mir, dort. Sie kannten sich erst ganz kurz. Drei Monate später haben sie geheiratet und sind es noch bis heute zusammen, und zwar glücklich. Billie ist übrigens gerade in Wien, weil er in Wien die Oper “Les contes d`Hoffmann” inszeniert, die sollten Sie sich alle anschauen. Premiere ist am 19. März im Theater an der Wien.

Wie hat der Oscar die Karrieren ihrer Klienten Susan Sarandon (Oscar 1995, nominiert 1984), Stephen Rea (nominiert 1993), oder Judy Davis (nominiert 1984 und 1992) beeinflusst?

Falls das eine Anspielung auf den sogenannten “Oscar-Fluch” sein soll – daran glaube ich nicht. Die Auszeichnung ist für jeden Schauspieler sehr wichtig, obwohl das Tamtam für die meisten eine große Belastung ist.

Inwiefern?

Es sind verständlicherweise alle extrem nervös. Dann sagt auch noch jeder dem Nominierten, dass er “sicher gewinnen wird”. Bei dieser Aussage zog sich immer mein ganzer Magen zusammen. Wenn dann die Gewinner und Verlierer feststehen, gibt es nichts Besseres als gemeinsam mit den Gewinnern zu feiern. Die, die nicht gewonnen haben, bekommen dann eben ein paar Drinks mehr. Oft ist es auch hart, wenn zwar der Schauspieler einen Oscar bekommt für einen Film, nicht aber der Regisseur. Als Susan Sarandon zum Beispiel für “Dead Man Walking” den Oscar bekommen hat, ging ihr Partner Tim Robbins leer aus.

Was war für Sie der schönste Moment bei den Oscars?

Das war 1981, als Mary Steenburgen für ihre Rolle in “Melvin and Howard” nominiert war. Bei der Verleihung war sie bereits hochschwanger und auch höchst aufgeregt. Wir hatten schon Angst sie würde das Kind jeden Moment bekommen. Dann hat sie auch noch gewonnen. Alle haben sich so für sie gefreut, es war einmalig. Und das Baby kam zum Glück etwas später.

Können Sie sich noch an ein kurioses Ereignis bei den Oscars erinnern?

Da gibt es einige. Recht amüsant war der Moment, als ich mit Judy Davis in der Limousine am Weg zur Verleihung war. Judy hat versehentlich Wasser auf ihr Armani-Kleid geschüttet. So konnte sie natürlich nicht aus dem Auto aussteigen und den Red Carpet betreten. Und was sagt sie? “Was für ein Glück! Jetzt muss ich nicht zur Verleihung!” Judy Davis dachte ernsthaft, der Abend bleibt ihr erspart. Wir sind aber zuerst Backstage zur Outfit-Notversorgung gefahren und dann erneut beim Haupteingang aufgetreten. In den Limousinen am Weg zur Verleihung kann überhaupt noch ganz viel passieren: Als Susan Sarandon bereits das fünfte Mal nominiert war, gingen im Auto ihre Ohrringe kaputt. Aber dann gewann sie, also kein schlechtes Zeichen! (lacht)

Wie läuft der Voting-Prozess ab?

Ich bin zwar Mitglied der Academy, darf aber als Agentin nicht für die Oscars abstimmen. Wir haben jahrelang versucht, dass auch die sogenannten “Associate Members” der Academy abstimmen dürfen, immerhin haben wir einen interessanten Standpunkt zu vertreten. Es ist uns aber leider nicht gelungen. Ich bekomme aber immerhin alle Filme vorher zugeschickt.

Schauen Sie sich alle an?

Eigentlich schon. Es sind gar nicht so viele, und Dokumentationen sind nicht dabei. Sagen Sie den Leuten aber nicht, wo ich wohne (lacht). Wenn die falsche Person eine DVD, die an mich adressiert ist, in die Hand bekommt, könnte das schlimme Folgen für mich haben. Sie Filme sind nämlich alle gekennzeichnet und wenn einer davon im Internet landet … Sie können sich vorstellen, was dann passiert.

Die Biografie: ein American Dream

Die Oscar-Partys hatten es in sich: “Wir haben oft bis zum Morgengrauen gefeiert.”Martha Luttrell hat 36 Jahre lang als Agentin in Hollywood Stars wie Susan Sarandon und Steven Rea betreut. Den Oscar-Rummel kennt sie nur allzu gut. Als Martha Luttrell Anfang der Achtziger Jahre als Agentin in Hollywood anfing, war sie als Frau dort eine absolute Ausnahme.

“Für die Generation meiner Mutter gehörte es zur einzigen Aufgabe einer Frau, eine gute Ehefrau und Mutter zu sein”, erinnert sie sich. Luttrell entschied sich aber für einen anderen Weg: Bereits mit 18 zog die Balletttänzerin von Vancouver nach Los Angeles um dort den American Dream zu leben: Den Anfang machte sie als Empfangsdame bei einem Plattenlabel, bald darauf landete sie als Assistentin bei Mike Nichols, der gerade an einem Film namens “Catch 22″ arbeitete: “Die Jahre mit Nichols waren mein Harvard” resümiert sie. Fünf Jahre, drei Filme und zwei Broadway-Produktionen später hatte Luttrell die Einflussreichsten Hollywoods und das Filmbusiness kennengelernt. Ein Bekannter schlug ihr schließlich vor, mit ihm gemeinsam eine Agentur aufzumachen. “Ich hielt das für keine besonders gute Idee. Ich mochte Agenten nicht. Außerdem wirkte der Job auf mich weder passend für eine Frau noch interessant. Tatsächlich gab es damals fast gar keine Frauen, die als Agenten arbeiteten. Aber ich hab’s dann probiert und den Job lieben gelernt.”

Obama sagt, was Sie wollen

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 3.2.2012

Mit Versatzstücken einer Obama-Rede lässt Grazer auf interaktiver Website beliebig neue Reden erstellen.

aben Sie Staatstragendes zu verkünden? Obama persönlich wird es für Sie erledigen. Dafür müssen die User einfach nur auf Speechmix.com ihre gewünschten Satzteile auswählen und fertig ist die personalisierte Präsidenten-Rede.

Bald Faymann im Remix?

Für Speechmix hat sich Max Min zwei Wochen lang an den Computer gesetzt. Der 33-jährige Grazer ist Musiker. Kein Zufall also, dass er sich bei seinem Projekt “Speechmix” der Methode des Mixens bedient. Die Website ist seit Ende 2011 online und befindet sich noch in der Beta-Phase. “Es gibt momentan ca. 60 Speechmixes der Obama-Rede. Ich werde aber im Laufe der Zeit weitere Reden hinzufügen. Die User können sich dann also aussuchen, welche Rede sie remixen. Ich freu’ mich schon darauf, zum Beispiel einen Werner Faymann zu mixen.” verrät Max Min.

Webprojekte zwischen Schmäh, Kunst und politischem Aktionismus

Aktionen wie die von Max Min sind Beispiele für eine neue Ausdrucksform, die durch die Möglichkeiten des Internets und Social Media entstanden sind: Mit ein bisschen Übung kann jeder kleine Webprojekte umsetzen und diese dann über die sozialen Netzwerke verbreiten. Wenn das Ganze sich auch noch humorvoll mit aktuellen Geschehnissen auseinandersetzt, können sich derartige Aktionen zum virtuellen Selbstläufer entwickeln. Die meisten Internet-Hypes kommen aus dem US-amerikanischen Raum, wir dürfen gespannt sein, ob mit den Politiker-Videos von Max Min vielleicht ein Trend in Österreich seinen Ausgang nimmt.

Kampagnen 2.0: Wie mobilisieren?

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 31.1.2012

Thomas Gensemer, Obamas Online-Kampagne-Chef, ließ beim Campaigning Summit in seine Trickkiste blicken.

ie schaffte es Obama bloß im letzten Wahlkampf so viele Menschen für Politik zu begeistern und auch noch bedeutende Summen Geldes zu sammeln? Wie steht es um politische und nicht politische Kampagnen in Österreich und was kann hier verbessert werden? Beim Campaigning Summit in Wien, organisiert von Ex-ÖVP-Marketingleiter Philipp Maderthaner, widmeten sich die Vortragenden diesen und mehr Fragen: Mit dabei waren der Organisator selbst, Niko Alm (Laizismus-Kämpfer und Mikromischkonzern-Chef), Christoph Bieber (NRW School of Governance), Alexander Oswald (Head of Marketing CEE, Nokia) und Thomas Gensemer, das Mastermind der Online-Kampagne von Barack Obama.

Wie es aussieht, hat Österreich in Sachen Online-Campaigning gegenüber den USA noch sehr viel aufzuholen. In Amerika werden laut Maderthaner politische Anliegen anders transportiert, es werden ganz klare Botschaften vermittelt, was erreicht werden soll, und vor allem warum. “Was wir lernen können ist, dass dort Unterstützer und Wähler viel aktiver in Kampagnen miteingebunden werden. Und man beherrscht dort auch die große Kunst der Einfachheit, eine Reduktion auf das Wichtige. So ist es viel einfacher Bewegungen zu erzeugen und das Potenzial der Menschen zu nützen.” Was Social Media in Österreich betrifft, hat Maderthaner kritische Worte übrig. Es werde nicht so sehr die Frage gestellt, welchen Nutzen man erzeugen will, als auf welcher Plattform man sein will. “Wir haben das wunderbar beim Facebook-Auftritt von Werner Faymann gesehen. Ich denke die einzige Motivation warum er dort aktiv geworden ist, war es Print-PR zu gewinnen, nicht um mit den Usern zu interagieren.” resümiert der Organisator.

“Wir wissen, wer unsere Wähler sind.”

Interaktion ist Gensemer und seinem Team schon lange kein Fremdwort mehr. Sie sind mit ihrer Online-Kampagne, in der Social Media groß geschrieben wurde, wesentlich mitverantwortlich für den Sieg Obamas 2008. Die Zahlen sprechen für sich: Gensemer konnte mit der Kampagne 13,5 Millionen Unterstützer gewinnen und 500 Millionen Dollar sammeln. Dieses Jahr geht es in die nächste Runde: Während gerade Obama in seinen Reden die Wogen glätten und sich von der Parteipolitik verabschieden wollte, polarisiert der Präsident nach einem Jahr im Amt mehr als jeder andere zuvor. Zugleich hat er mit der Finanzkrise zu kämpfen, die auch dazu führte, dass die Amerikaner ihr Vertrauen in die Politik verloren haben. Und die Republikaner nennen den nach Harmonie strebenden Obama einen “Naivling”, “arroganten Sozialisten” und “Loser”. Wie Gensemer und sein Team der neuen Herausforderung begegnen, erzählte und der Kampagnenmanager selbst:

KURIER: Was hat sich seit der letzten Wahl für Sie verändert? Was möchten Sie jetzt anders machen?

Thomas Gensemer: Die Politik hat sich verändert. Zum Einen sitzen wir jetzt im Weißen Haus und haben die Verantwortung, zum Anderen haben wir mit der Finanzkrise zu tun. Die Erwartungen der Leute da draußen sind also größer als 2008 und wir müssen sie wieder mit einbinden, wahrscheinlich auf eine direktere Art und Weise. Technisch gesehen müssen wir uns jetzt auf das große Wachstum von mobilen Endgeräten einstellen, insbesondere Smartphones. Es geht jetzt darum, “mobile” überall zu integrieren. Diese Dinge werden nach außen kaum wahrgenommen, sind aber ganz wichtig für uns, damit wir die Leute mit unseren regionalen Inhalten zielgruppengerecht erreichen. Es müssen also die Daten für alle Channels richtig aufbereitet werden. Außerdem sind Facebook und Twitter noch wichtiger geworden, auf Facebook haben wir zum Beispiel schon im April losgelegt mit der Kampagne. Der große Unterschied zwischen Europa und Amerika ist auch, dass wir wissen, wer unsere Wähler sind, wir haben viel mehr Daten zur Verfügung. Wenn sich die Wähler also online anmelden, können wir mit dieser Information sehr viel anfangen. Das macht das Targeting viel leichter und unsere Kampagne im Vergleich zu 2008 besser.

Wäre Ihnen Gingrich oder Romney lieber als Gegner und inwiefern würden sie ihre Strategie je nach Opponent adaptieren?

Wir haben keinen Wunschgegner. Es macht Spaß sich den Rummel von der anderen Seite anzusehen, und unsere Kampagne ist für alle Eventualitäten gerüstet. Egal wer unser Gegner sein wird, es wird eine knappe Wahl. Im Grunde geht es darum die Leute wieder zu mobilisieren, die uns letztes Mal zum Sieg verholfen haben. Der Präsident ist mit Sicherheit in einer anderen Position als vor ein paar Jahren, was Vor- und Nachteile mit sich bringt, wir wollen auf jeden Fall eine intelligente Debatte mit den anderen und sorgen gerade dafür, dass eine gewisse Basismobilisation stattfindet, um für den Wahlkampf gerüstet zu sein. Jedenfalls wäre es dumm von uns unsere Gegner zu unterschätzen, denn auch sie haben sehr gute Kampagnen.

Wie gehen Sie mit Kritik im Wahlkampf, insbesondere in Social Media um?

Wir setzen hier stark auf das Potenzial unserer Unterstützer da draußen. Wird zum Beispiel falsche Information über Obama im Netz gepostet, sehen das oft die Supporter zuerst und reagieren darauf. Es gibt auch eigene Taskforces, die darauf spezialisiert sind, sich um diese Dinge zu kümmern. Das sind Freiwillige, die sich melden.

Ein User auf Twitter fragt, ob Sie bei dieser Kampagne wieder mit Shepard Fairey arbeiten? (Anm. d. Red.: Künstler, von dem das berühmte “HOPE” Plakat von Obama im letzten Wahlkampf stammt.)

Das weiß ich leider nicht.

Wie wird Twitter bei diesem Wahlkampf eingesetzt und wie werden die Accounts betreut?

Dieses Mal ist es etwas anders, weil sowohl Inhalte von Mitarbeitern aus dem Weißen Haus gepostet werden als auch Inhalte zur Kampagne. Barack Obama twittert ab und zu selbst, Michelle Obama hat auch gerade einen Account gestartet. Es gibt auf jeden Fall große Teams, die sich um die Inhalte der Accounts kümmern.

Wiener Szene-Club Roxy sperrt zu

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 18.1.2012

Nischenevents im Untergrund: Dafür war das Roxy jahrelang eine der wichtigsten Adressen in Wien. Bald gibt es die letzte Party.

“Liebe Gäste, Freunde, Veranstalter, eine Ära geht zu Ende! Leider müssen wir Euch mitteilen, dass der Club Roxy mit Ende-März zugesperrt wird! Wir möchten uns bei allen treuen Gästen bedanken und hoffen Euch bis 31.3.2012 im Club nochmal begrüssen zu dürfen! feiert mit uns ein letztes mal im legendären ROXY! Wünschen Euch alles gute und bis bald! Euer Roxy-Team”. Mit diesen Worten gab der kleine Club in der Operngasse 24 sein Ende bekannt.

Gerade wird die Wiener Clubszene für ihre Vielfältigkeit gerühmt, in den letzten Jahren hat sich mit Pratersauna, Market, Werk, Grelle Forelle und wie sie alle heißen viel getan. Vielleicht sogar zu viel. Das gut gelegene Roxy mit seinem Schmuddel-Flair öffnet jedenfalls bald zum letzten Mal die Türen für eine Party.

Was ging ab?

Hier war Platz für Nischen-Events aller Art. Das Message-Magazin zum Beispiel lud gerne ins Roxy für die eine oder andere Hip-Hop-Nacht, oder auch das Vice schaute mit Leser-Entourage ein paar Mal vorbei. Wenn man spätnachts heil die steilen Stufen hinabgestiegen ist erwarteten ein enger, verrauchter, ein bisschen versiffter Raum mit viel Platz für die Bar, Spiegeln und Fell – die perfekte Mischung für eine Fortgehnacht, die etwas länger dauert. Daniel Shaked von The Message resümiert auf KURIER-Anfrage: “Wir haben legendäre Partys gefeiert im Roxy und sind nun seid über zehn Jahren regelmäßig dort. Es ist sehr tragisch, dass es zumacht, vor allem auch, weil es eines der letzten Lokale war, das in dieser Größenordnung funktioniert hat.”

Die Nachfrage nach etwas Abwechslung im Nachtleben bringt das Kommen und Gehen der Clubs eben mit sich. Roxy, es war uns eine Ehre – wir hoffen, dass Wien uns würdige Nachfolger liefert.

TV-Diskussionen ohne Putin

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 12.1.2012

Alle Kandidaten diskutieren im TV – nur Putin nicht. Die Opposition nennt den Premierminister einen Feigling.

Wie der Kommersant am Donnerstag berichtet, gab der Pressesprecher von Putin bekannt, dass der Kandidat für die Präsidentschaftswahl mit seinen Aufgaben als Premierminister zu beschäftigt sei, um an den TV-Debatten vor der Wahl am 4. März persönlich teilzunehmen. Stattdessen werden aber Vertreter geschickt und die Sendezeit, die dem Kandidaten zur Verfügung steht, auf jeden Fall genützt um das Wahlprogramm zu vermitteln.

Die politischen Gegner Putins zeigen sich gar nicht begeistert davon. Die Absage bei den TV-Diskussionen interpretieren sie als Unfähigkeit auf Kritik zu reagieren und vor allem als Geringschätzung am Dialog. “Würde Sarkozy das gleiche tun, wäre er längst kein Politiker mehr,” meint etwa Gennadij Gudkov von der Partei Gerechtes Russland dem Kommersant gegenüber.

Indes nimmt die Kritik an Putin nicht ab. Nachdem bereits Zehntausende auf den Straßen demonstriert haben um ihren Unmut über die vermutete Wahlfälschung bei den Parlamentswahlen im Dezember 2011 zu zeigen, sind weitere Proteste am 4. Februar geplant.

“Strenge” Westbahn ärgert Facebook-User

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 20.12.2011

Aufregung durch harsch formulierte Facebook-Suche nach Täter, der Zug mit Graffiti beschmiert haben soll.

Graffiti auf der WESTbahn! Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, ist eine Belohnung in der Höhe von 5.000 Euro ausgesetzt. Gestern zwischen 20.45 und 21.00Uhr in Salzburg hat jemand einen großen Fehler begangen. Er hat die WESTbahn beschädigt. Das Graffiti wurde so schnell wie möglich entfernt. Es zahlt sich also nicht aus. Hinweise nimmt die Polizeidienststelle am Hauptbahnhof in Salzburg und die WESTbahn entgegen!” Dieses Posting der Westbahn löste am Dienstag Vormittag eine heftige Diskussion unter Facebook-Usern aus:

Während die einen die Westbahn unterstützen finden andere die Reaktion des Schienen-Neulings übertrieben. Der User Roland B. Seper etwa rügt die Westbahn für ihre “Law & Order-Kampfrhetorik”, der Poster Hans Christian Voigt wiederum sieht im Graffiti am Zug keine Beschädigung.

Geschäftsführer Stefan Wehinger reagierte schnell auf die Kritik: “Ich verstehe keinen Spass in diesem Zusammenhang und wir werden NULL Toleranz nach Ergreifung der Täter einräumen.” Dieses Statement rief nur noch mehr Postings hervor. Schließlich führte ein weiteres Kommentar von Wehinger zu noch mehr Aufruhr. Wehinger schrieb als Antwort auf einen Vorwurf an die Westbahn, dass ein Zug ein Signal überfahren habe: “Sie haben bis 18:00 Zeit diese unrichtigen Anschuldigungen im Sinne einer strafrechtlichen Kreditschädigung zurück zu nehmen. Danach erfolgt die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft auf Basis dieses Strafttatbestandes.”

Kommunikation 2.0

Kritisiert wird von vielen Usern auch, dass die Westbahn, insbesondere Wehinger, viel zu harsch mit den “Fans” umgehe. Bestraft wird die Westbahn mit einem sogenannten “Shitstorm”, einer großen Anhäufung an Kritik auf Facebook, die sich schnell weiterverbreitet. Wie sich die Diskussion weiterentwickelt, wird sich zeigen. Ein Shitstorm muss für ein Unternehmen aber nicht unbedingt ein großer Schaden sein, in manchen Fällen gewinnt die Page sogar zusätzliche Facebook-Fans.

Manfred Mader, der Social Media Manager für die Westbahn, gibt sich gelassen, was die Diskussion betrifft: “Wir haben auf Facebook berichtet dass ein Zug verschmiert wurde, haben unsern Unmut geäußert und eine Belohnung für zweckdienliche Hinweise versprochen. Manche fanden die Vorgehensweise gut andere nicht.”

Russland: Wie eine Grazerin die Demos erlebt

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 12.12.2011

Nach den Parlamentswahlen letzte Woche gehen die Wogen in Russland hoch: Angelika Molk, eine Österreicherin, die in Moskau lebt, schilderte dem KURIER ihre Eindrücke von den aktuellen Geschehnissen. Eine Innenansicht.

KURIER: Sie sind am Samstag auch bei der großen Demonstration gewesen, bei der laut Angaben der Behörden 30.000, laut Demonstranten gar 100.000 Menschen waren. Hatten Sie eigentlich Angst, hinzugehen?

Angelika Molk: Ja, natürlich hat man vorher ein ungutes Gefühl, in den Medien wird viel über mögliche Ausschreitungen berichtet, und man weiß auch, dass die russische Polizei mit Demonstranten nicht gerade zimperlich umgeht. Vor der Demo kursierten diverse Gerüchte, unter anderem wurde behauptet, dass eine spezielle tschetschenische Kampfeinheit bereitgestellt sei. Studenten wurden auf der Universität gewarnt, sich nicht auf der Demo blicken zu lassen, in den Schulen wurde am Freitag überraschend ein verpflichtender Test für die Zeit des Meetings angesetzt. Ärzte warnten öffentlich davor, am Samstag zum Meeting (so wird die Demonstration in Russland genannt, Anm. d. Red.) zu gehen, da die Grippegefahr sehr hoch sei, ein Astrologe riet, am Samstag große Menschenmassen zu meiden.

Wie erlebten Sie die Demonstration?

Ich muss aber sagen, dass alles sehr ruhig, sehr friedlich und positiv verlaufen ist, auch die Polizei hat sich korrekt verhalten, obwohl über 50.000 Polizisten anwesend waren, haben sie sich zumeist abseits gehalten. Viele sind dem Aufruf der Organisatoren gefolgt und kamen mit Blumen, Ballons oder weißen Bändern, um zu zeigen, dass sie keine aggressive Konfrontation wollen. Verschiedene Losungen machten die Runde, viele sind mit Plakaten gekommen, auf denen mal ernste, mal weniger ernste Losungen zu lesen waren. Die beliebtesten und die am lautesten wiederholten: „Russland ohne Putin“, und „gemeinsam sind wir unbesiegbar“.

Wer hat Demonstriert?

Das für mich schöne an der Demonstration war, dass Leute aus allen Gesellschaftsschichten gekommen sind. Anarchisten standen neben Monarchisten, Frauen im Pelzmantel neben Studenten und Pensionisten. Was sie alle vereinte war einfach die Unzufriedenheit mit den Wahlen und der Situation in Russland generell.

Bemerken Sie die Protestbewegung und deren Folgen seit letzter Woche auch im Alltag?

Bei der Demo sah man viele Menschen mit weißen Bändern, vor allem in der Nähe der Demo, aber auch bei Metrostationen. Ansonsten ist Moskau zu groß, um wirklich überall etwas von den Ereignissen mitzubekommen. Es ist aber definitiv mehr Polizei als sonst auf den Straßen, besonders bei strategisch wichtigen Punkten wie bei der Twerskaja (große Straße im Zentrum, anm. d. Red.), oder in der Nähe des roten Platzes.

In Russland gibt es ein „eigenes Facebook“, ein soziales Netzwerk namens „V Kontakte“ („im Kontakt“), wie wichtig ist die Rolle dieses und anderer Social Media Plattformen für die Protestbewegung? Sind hier Parallelen zu Protesten in anderen Ländern zu erkennen?

Die sozialen Netzwerke sind natürlich sehr wichtig, vor allem Facebook und V Kontakte zur Verbreitung der Informationen (über das Event, bzw. vorher über die Wahlfälschungen). Während der Demonstrationen hat es auch mehrere Live-Übertragungen gegeben, und viele der größeren Magazine haben die Ereignisse laufend kommentiert, auf Twitter, aber auch auf eigens dafür eingerichteten Bereichen auf den Homepages, auf snob.ru sieht man das zum Beispiel ganz gut, da können sich verschiedene Leute in den Stream einschalten, das ist einerseits natürlich informativ, andererseits auch sehr praktisch für die Teilnehmer selbst im Falle einer Eskalation oder ähnlichem. VKontakte ist in Russland generell noch populärer als Facebook, das wird aber weniger. Während der Wahlproteste hat sich gezeigt, dass sich VKontakte leichter regulieren/kontrollieren lässt als Facebook. Es waren einfach mehr Informationen auf Facebook zu finden.

In den letzten Tagen wurden immer wieder kritische Websites lahmgelegt. Weiß man, wer dahinter steckt und ist es nicht im Grunde eine recht wirkungslose Maßnahme, da alle Infos sowieso in den sozialen Netzwerken zu finden sind?

Die Leute greifen via Facebook meist auf die Links zu, es wird praktisch nichts auf Facebook selbst publiziert. Daher war das Sperren der Seiten zumindest ärgerlich, es hat aber in den letzten Tagen aufgehört. Es waren Hackerattacken, ich glaube aber nicht dass es dazu ein offizielles Bekenntnis gibt Dass das von Seiten der Machthabenden geschehen ist, ist natürlich reine Spekulation. Während der Demo waren viele Leute mit Smartphones unterwegs, es wurde viel fotografiert, gefilmt, getwittert, obwohl das Netz manchmal zusammengebrochen ist, einfach wegen der Menschenmasse.

Wie schätzen Sie persönlich die Wirkung der Proteste ein? Sind Vergleiche zu den Protesten in anderen Ländern wie „Occupy Wall Street“ oder gar zum arabischen Frühling gerechtfertigt?

Man hört oft das Wort Revolution, wenn von dem Meeting berichtet wird, und vergleicht die Demo beziehungsweise das Geschehen in Russland mit dem arabischen Frühling. Den meisten geht es denke ich aber gar nicht um eine Revolution, oder einen Umsturz des systems. Vielmehr ist diese Demo ein Zeichen dafür, dass das Land endlich aufwacht, dass eine politikverdrossene Gesellschaft beginnt, offen Kritik zu üben am System. Das Meeting ist keine Revolution, sondern zeigt, dass sich endlich eine Opposition entwickelt, dass auch junge Leute beginnen, sich für die Zukunft ihres Landes zu interessieren und nicht mehr alles als gegeben und unveränderlich hinnehmen. Das Meeting ist das Zeichen dafür, dass die Leute aus ihrer inneren Emigration herauskommen. Und in dieser Hinsicht ist es nicht Zeichen einer Revolution, sondern für die Bildung einer intelligenten, starken Opposition und der erste Schritt zu einer tatsächlichen Demokratisierung des Landes.

Angelika Molk, 29, Slawistin, Doktorandin der HU-Berlin/RGGU Moskau. Sie lebt seit 2009 in Moskau.

Mit Musiker I-Wolf in der Badewanne

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht am 30.11. auf KURIER.at

Wolfgang Schlögl, bekannt mit der Band Sofa Surfers oder mit seinem Solo-Projekt I-Wolf, im Interview über das Musikmachen am Theater.

Wolfgang Schlögl spielt zur Zeit auf vielen Hochzeiten: Im Theater in der Josefstadt sorgt er mit seiner Band Sofa Surfers für die Musik bei Nestroys “Lumpazivagabundus”, ab 4. Dezember ist seine Theatermusik wieder in Matthias Hartmanns Nestroy-gekrönter Inszenierung von “Krieg und Frieden” zu hören. Derzeit probt der musikalische Wunderwuzzi gemeinsam mit Ursula Strauss (“Schnell ermittelt”), Gerald Votava und Christian Dolezal (beide in “Die Schlawiner”) für die Bühnenadaption einer Gedichtesammlung von Christine Nöstlinger, die Anfang 2012 im Rabenhof Theater Premiere feiern wird. Bei dem Stück sitzt I-Wolf mit seinem Equipment in einer Badewanne. KURIER.at besuchte ihn in einer Probenpause und fragte den Musiker, wie es dazu kam und sprach mit ihm über die Rolle der (Pop-)Musik im zeitgenössischen Theater, seine aktuellen Projekte und Abenteuer in Sankt Petersburg.

KURIER: Die Hartmann-Inszenierung von “Krieg und Frieden” dauert ganze fünf Stunden. Kein Wunder, bei der Dramatisierung eines 1.500-Seiten-Romans. Jetzt mal ehrlich, haben Sie das Buch von der ersten bis zur letzten Seite gelesen?
Wolfgang Schlögl: Wir haben drei Monate lang geprobt und währenddessen hat man es dann gelesen. Ich habe das Buch nie linear von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, aber ich habe mir dann am Schluss auch jene Seiten zu Gemüte geführt, die wir im Stück ausgelassen haben. Es ist in Wahrheit ein toller Workshop gewesen, der auch die Langzeitwirkungen, die die Französische Revolution mit sich gebracht haben, beleuchtet.

Was nehmen Sie von der Arbeit mit Tolstojs Epos mit?
Es erzählt einem die Geschichte einer Zeitenwende. Es geht um eine dekadente, abgehobene und überzogene Gesellschaft, die einen Krieg geführt hat, der Millionen Menschen betroffen hat, bis ihnen dann selbst der Tod bis zum Bauchnabel gestanden ist. Da muss man an die Jetztzeit denken. Das ist nicht nur ein Kostümschinken in “pseudo-cinemascopischer” Form, sondern die Faszination entsteht auch dadurch, dass hier eine Zeitenwende passiert. Das lugt in unserer Zeit auch hervor: Ein Empire geht zugrunde, ein neues kommt. Aber was kommt da und welche Werte wird es da geben? Als Musiker ist es für mich ein Luxus und eine wichtige Sache, sich genau über solche Dinge Gedanken zu machen und daraus Klänge zu schöpfen.

Wie bereitet man sich als Musiker auf so ein Riesenteil vor?
Es gibt zwei Ebenen: die theoretische, wo einem der Regisseur seine Wünsche sagt, zum Beispiel: “Ich hätte gerne, dass du auf der Bühne stehst und auf DJ machst”. Dann sage ich: “Ok, das würde bedeuten, ich arbeite mal an der Musik und dann pressen wir das auf Schallplatten.” Ab dann bin ich einfach der DJ. In Wahrheit sitze ich aber da und arbeite an Klängen, höre mir Musik aus der Zeit an und verwende dann auch Teile dieser Stücke. Dann nehme ich das Textbuch und muss schauen, dass sich das mit den Textlängen ausgeht. Im besten Fall fällt das den Leuten nicht auf und sie denken nur “Ah, das ist Schostakowitsch”. Dass ich da aber gesessen bin und feingetuned habe, bis sich das mit dem Text ausgeht, das weiß natürlich keiner. Wenn sich dann der Text in der letzten Minute ändert, dann sitze ich ziemlich blöd da, das ist alles schon dagewesen. Generell arbeite ich bei “Krieg und Frieden” mit drei Plattentellern, zwei Effekten, das Klavier kommt noch rein, die Stimmen werden teilweise mit Effekten belegt, ich habe eine Pauke, eine Melodika, eine Orgel und das spiele ich alles in fünf Stunden, also quasi ein One-Man-Orchester mit einem wunderbaren Pianisten, dem Karsten Riedel.

KURIER: Sie gaben mit “Krieg und Frieden” auch Gastspiele. Wie ist das Stück im Ausland angekommen und wie waren die Erlebnisse dort?
Ganz interessant war es in Sankt Petersburg – quasi am Originalschauplatz von “Krieg und Frieden” – zu spielen. Das Marinskij Theater kommt auch im Buch vor. Es war natürlich klar, dass wir nur einen bestimmten Teil von der Stadt sehen, die Randbezirke haben wir nie zu Gesicht bekommen. Dass das nichts mit der Lebensrealität der meisten Menschen zu tun hat, ist mir klar. Am ersten Abend waren hauptsächlich Repräsentationsmenschen da, da sind auch nach der zweiten Pause die meisten einfach gegangen. Der zweite Abend war studentisch geprägt und das war super. Was man auch sagen muss: In Russland wird sehr intensiv gefeiert, auch das haben wir nicht ausgelassen, nicht zuletzt um dem Druck ein Ventil zu geben.

Prag war ja auch ein Tourstopp …
Ja, das deutschsprachige Theaterfestival in Prag war auch super, das spielten wir in der Filmstadt, wo auch TV-Schinken wie “Die Borgias” gedreht werden. Plötzlich kriegt man ein Gefühl dafür, warum Österreich bei vielen Projekten das Nachsehen hat. Die haben sich dort eine Infrastruktur hingestellt, bei der wir nicht mithalten können: Legebatterien voll von Postproduction-Studios, bestens ausgerüstet. Die haben uns beinhart abgehängt. Wir hätten die Chance gehabt, wir hätten nur schlau sein müssen. Es würde auch unserer ganzen künstlerischen Szene gut tun.

KURIER: Was ist für Sie das besondere beim Musikmachen für Theaterproduktionen?
In der Arbeit versucht man, jeder Disziplin, die da mit eingebunden ist, ihren Raum zu geben. Die Szenen müssen so ausgeführt werden, dass die Charaktere atmen können. Die Musik ist wichtig, darf aber nicht dominieren. Das sind alles ganz feine Dinge und für mich als Musiker ist ganz generell wichtig, wo das spielt und welche Figuren vorkommen. Was man aber auch sagen muss: Ich habe das Gefühl, dass die Regisseure oft einen sehr konventionellen Musikbegriff haben. Das heißt: Bei einem Pianisten, der sich hinsetzt und Billy Joel spielt und die Schauspieler singen dazu, da komme ich nicht mit. Ich arbeite viel konzeptioneller, ich brauche auch länger, schaue mir den Raum an und so weiter. Einmal habe ich zum Beispiel mit der Klimaanlage gearbeitet. Da habe ich Bändchenmikrofone installiert und den Sound während eines Monologs einfach immer lauter werden lassen. Am Ende des Monologs macht die Schauspielerin die Tür zu – und Zack, war der Sound weg. Die Leute haben plötzlich alle laut durchgeatmet. Das war alles Teil der Arbeit – das ist für mich Musik. Das sind auch Dinge, die die Schauspieler zum Beispiel gar nicht wirklich mitkriegen und auch das Publikum nicht bewusst, aber es wirkt definitiv.

Aktuell proben Sie für “Iba de gaunz oamen Leit” von Christine Nöstlinger, das von Anatole Sternberg und Matthias Jodl umgesetzt wird.
Ja, ich spiele ein bisschen mich selbst vor 10 Jahren, auch eine Existenz im Gemeindebau. Ich bin meistens irgendwann am Nachmittag aufgestanden, ich hab’s nie zum Billa geschafft, bin dann immer zur Tankstelle einkaufen gegangen. Das ging ein paar Jahre lang so und mein Arbeitszyklus hat sich dann so entwickelt, dass ich bis fünf Uhr in der Früh gehackelt hab und mich dann in die Badewanne gehaut hab. Und genau das spiele ich jetzt. Es fängt an um fünf Uhr in der Früh, die Omi sitzt schon am Küchentisch, ich lass grad die Badewanne ein und geh rein.

Gerald Votava (links) und Anatole Sternberg (rechts)

Im Prinzip wird in der Nöstlinger-Adaption das Dasein von vier Charakteren gezeigt, die in prekären Verhältnissen leben, wie schaut hier der musikalische Ansatz aus und inwiefern unterscheidet er sich von der Arbeit an einem Ziegel wie “Krieg und Frieden”?
Wenn ich da in der Badewanne sitze und mit meinen Geräten arbeite, dann ist das das rudimentärste Setup, da gibt es eine Orgel, einen Beat, ein Klopfen und mit diesen wenigen Sachen muss ich die Emotion erzeugen können. Wenn nicht, dann ist das Lied schlecht. Reduktion ist mir ganz wichtig. Ich mache mir für jedes Projekt eine Art Vokabular, in meiner Sologeschichte geht es im Gegensatz dazu um fiebriges Ensemblespiel und Cluster. Das bedeutet eine Überforderung. Hier geht es ums Gegenteil. Ähnlich verfahren wir bei “Krieg und Frieden”, wo zum Beispiel ein einfaches Klopfen auf den Tisch den Marsch der Soldaten darstellt.

Was wollen Sie mit diesen Stilmitteln ausdrücken?
Generell sehe ich meine Arbeit im Zeichen der Liebe oder Empathie in Zeiten der Überforderung. Mich interessiert, inwieweit die Emotionalität noch erhalten bleibt in einer Zeit der großen Datenvolumen, Eindrücke, Web-2.0-Kommunikation. Ich möchte mich dem gar nicht verschließen, ich möchte nur ein Augenmerk auf unsere emotionale Verfasstheit legen. Bei dem Stück, das wir gerade proben, geht es mir um die Frage: Wie geht es den Menschen in bildungsfernen Schichten, auf Abstellgleisen? Wie kann man das darstellen ohne sozialpornographisch und voyeuristisch darauf zu schauen? Ich meine, dafür müssen wir den Menschen genug Empathie geben. Ich will nicht nur über die Prolos lachen.

Welche Einflüsse sind künstlerisch für Sie wichtig?
Cy Twombly hat mich als Künstler generell sehr beeinflusst und deswegen scheue ich mich nicht davor, für andere Leute Klanggekrixel zu machen, wenn es adäquat ist. Das bringt mich auch zu dem Punkt: Was sind meine Tonerzeuger? Wir leben ja in einer Welt, wo ich alles reproduzieren könnte. Das ist ein Glück, aber für viele auch ein Fluch, weil man eben alles machen kann.

Und wie unterscheidet sich die Arbeit an den eigenen Platten von der fürs Theater?
Es ist jedes Mal eine neue Welt, egal für welches Projekt. Ich kann eben einfach nicht mit Presets arbeiten, ich kenne Leute, die haben einmal einen Hit und arbeiten dann immer mit Versatzstücken daraus weiter. Ich mache mir eben für jedes Projekt ein eigenes musikalisches Vokabular, das ich dann verwende. Ich würde mir schlecht und billig vorkommen, wenn ich immer mit dem selben Schmäh daherkommen würde. Ich glaube, mittlerweile engagiert man mich auch, weil ich neben meiner musikalischen Tätigkeit auch eine fundierte theoretische Vorarbeit leiste. Das muss einfach sein. Musik kann so vieles sein, und ich bin so glücklich darüber. Mir wird einfach nicht fad.

Wolfgang Schlögls Musik im Theater:

Krieg und Frieden: Premiere am 4.12.2011 im Burgtheater Kasino, weitere Vorstellungen am 5., 6. und 8.12.
Regie: Matthias Hartmann

Der böse Geist Lumpazivagabundus: Theater in der Josefstadt am 12., 16., 18., 27. und 30.12.2011.
Regie: Georg Schmiedleitner

Iba de gaunz oamen Leit: Premiere 17. 1. 2012 im Rabenhof Theater mit Ursula Strauss (schnell ermittelt), Ingrid Burkhard (Ein echter Wiener geht nicht unter), Gerald Votava (FM4), Christian Dolezal (Donnerstag Nacht/Schlawiner)
Regie: Anatole Sternberg

Wissenschaft auf cool beim SciBarCamp

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 27.10.2011.

Bei der Unkonferenz soll das Zusammentreffen von Forschern aus verschiedenen Bereichen einen Wissensaustausch der neuen Art ermöglichen.

Die Wissenschaft ist hierzulande gut versteckt. Im berühmt berüchtigten Elfenbeinturm tut sich zwar einiges: Wissenschaftler setzen sich mit elementaren Problemen auseinander, finden Lösungen, schaffen Durchbrüche. Nur bekommt das kaum jemand mit und es gibt wenig Austausch zwischen den Disziplinen. Das wollen Brigitta Dampier und Michael Horak mit dem ersten Wissenschafts-BarCamp in Wien nun zumindest ein bisschen ändern: Nachdem sie in Cambridge ein ähnliches Event besucht hatten beschlossen sie, das innovative Konzept des Wissenschafts-BarCamps auch nach Wien zu holen. Brigitta Dampier zum Status Quo: “Im Wissenschaftsbereich gibt es derzeit sehr wenig Möglichkeiten, sich mit Vertretern anderer Disziplinen auszutauschen. Auf klassischen Konferenzen trifft man nur auf Kollegen aus der eigenen Fachrichtung. Der Blick über den Tellerrand fehlt oft. Das wollen wir ändern.”

Im Gegensatz zu einer traditionellen Konferenz ist das BarCamp eine offene Veranstaltung, bei der jeder Teilnehmer etwas präsentieren kann und soll. Es sind keine Programmpunkte vorgegeben, die Mitmachenden sagen, wo es lang geht: “Das spannende am SciBarCampVIE ist, dass den Teilnehmer inhaltlich keine Vorgaben gemacht werden, es ist für alle Themenbereiche aus Naturwissenschaft, Medizin und Technik offen. Die Palette der Themen reicht von Fachvorträgen bis zu allgemeinen Themen, die für verschiedene Disziplinen von Interesse sind, wie Ethik, Wissenschaftskommunikation, kommerzielle Verwertung.” erklärt Horak. Diese Art der Organisation soll einen inspirierten Austausch von Informationen zwischen Menschen, die sich sonst wahrscheinlich nicht begegnet wären ermöglichen.
Angemeldet haben sich bereits Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Gebieten, die laut Website dazu angehalten sind, ihre Themen so vorzutragen, dass sie auch von jemandem ohne spezielles Vorwissen verstanden werden. Dampier: “Dabei sein wird zum Beispiel der Sieger der Startupweek, der eine Diabetes-App entwickelt oder auch Nicole Prutsch, eine Künstlerin, die sich mit Naturwissenschaft auseinandersetzt. Aus einer ganz anderen Richtung wiederum kommt Vladimir Mironov, Gastprofessor an der TU, der an der Produktion von Fleisch im Labor arbeitet sowie an Organ Printing, einer Methode zur Herstellung synthetischer Organe.”
Das SciBarCamp findet am 29. und 30. Oktober am Institut für Pharmakologie in Wien statt. Die Teilnahme ist gratis, die Besucherzahl aber limitiert. Anmelden kann man sich auf der Website.

Facebook-Nachricht von der Kaffeemaschine

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 18.10.2011

Zukunftsmusik aus Wien: Der Gründer des Unternehmens Twingz sprach mit KURIER über die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine via Social Media sowie die heimische Startup-Szene.

Geht es nach Werner Weihs-Sedivy, dem Gründer von „Twingz – the twitter for things“, werden wir in wenigen Jahren auf Facebook und Co. nicht nur mit unseren Freunden kommunizieren, sondern auch mit dem DVD-Player, der Heizung oder der Solaranlage. Verfügen die elektronischen Geräte über die technischen Voraussetzungen, können einerseits diese untereinander kommunizieren, andererseits können wir ihnen Fragen stellen, Antworten bekommen und die Geräte schließlich auch steuern, etwa ein- und ausschalten. Zur Zeit befindet sich das Projekt noch in einer nicht öffentlichen Testphase, Mitte November ist der nächste Schritt geplant: Eine Beta-Version, die für jedermann zugänglich ist und erste Funktionen veranschaulicht.

Die Anfänge: Russische Weltraumforschung und Unverständnis

Bis zur Testversion war es aber ein langer Weg: Nachdem Weihs-Sedivy während der ersten Semester an der TU Anfang der Neunziger für die russische Weltraumagentur Hard- und Software entwickelte, arbeitete er später bei einem Startup-Unternehmen, wo bereits einige Ideen in Richtung Mehrwertdienste für Mobilfunker geliefert wurden: „Wir waren da viel zu früh dran, wurden überhaupt nicht verstanden und haben dann einfach entschlossen, das selbst anzugehen. Leider war auch damals die Technologie noch nicht soweit. Ein wenig später kam dann die Frage auf: Wie kann ich mir Informationen zu einem bestimmten Gerät holen, ohne eine ewig lange Anleitung lesen zu müssen, sondern auf kurzem und elektronischem Weg.“, so der CEO über die Anfänge von Twingz.

Ziel ist es mit dem Service in ein paar Jahren die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine zu vereinfachen. Anstatt sich mit mehreren Fernbedienungen für verschiedene Geräte herumzuschlagen soll alles in Zukunft mit dem Smartphone über Facebook, Twitter und co. gesteuert werden können. So könnte zum Beispiel das ganze Energiemanagementsystem eines Haushalts über Twingz laufen: Die Heizung aufdrehen, die aktuelle Energiegewinnung durch Solarenergie überprüfen, checken, ob der Fernseher die Lieblingsserie aufnimmt oder ob das Bügeleisen ausgeschaltet ist, das alles wäre mit einer Textnachricht über das Smartphone möglich: „Die Infrastruktur von Social Media Plattformen eignet sich einfach gut für unsere Zwecke. Wir verwenden Social Media, weil die Leute sowieso dort sind und sie von dort aus per Textmessage einfach auch mit ihren Geräten kommunizieren können, nicht nur mit ihren Freunden.“

Startup-Förderungen in Österreich: altbacken und nicht global denkend

Mit seinem visionären Projekt ist Weihs-Sedivy einer der wenigen Österreicher im Bereich Internet-Startup, die ihren Firmensitz hierzulande haben. Die hiesigen Bedingungen für Jungunternehmer in seiner Branche beurteilt er als verbesserungswürdig: „Ich habe schon mehrfach den Hinweis beziehungsweise die Einladung bekommen, dass wir uns aus Österreich wegbewegen sollen. In Schweden bei der SIME Konferenz hat uns zum Beispiel der Bürgermeister persönlich dazu eingeladen, nach Stockholm zu ziehen. Können Sie sich vorstellen, dass ein Bürgermeister Häupl auf Startup-Konferenzen geht und dort qualifizierte Kräfte ins Land holen will?“

Generell wünsche sich Weihs-Sedivy eine weniger „altbackene“ Förderungsstruktur für Startups, die nicht so standortbezogen denkt. Zur Zeit gibt es bei Förderungen viele Bedingungen, die etwa fordern, dass man FH-Absolventen aus Österreich in das Projekt integriert. Bei global angelegten Projekten wirke das kontraproduktiv: „Unser Team ist ein gutes Beispiel: Es besteht aus sieben Personen, die in den Ländern USA, genauer Kalifornien, Italien, Holland, Serbien und eben Österreich verteilt sind. Nach einer Startphase ist es mir egal, wo die Leute sitzen.“ erläutert der CEO.

Fiktiver Börsenmakler in BBC-Interview?

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 27.9.2011

In einem BBC-Interview meint ein Börsenmakler, dass seinesgleichen von einer Krise nur eines erwarten: Profit. Nun gibt es Zweifel am “Experten”.

Den Moderatoren der BBC stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben: Während einer Live-Sendung beschreibt ein offenbar seriöser Börsenmakler, dass Goldman Sachs die Welt regiert und kaum ein Rettungsplan der Wirtschaft helfen wird. Er und seine Kollegen erwarten von der Krise nur eines: Profit.

Die brisanten Antworten, von deren “Ehrlichkeit” viele überrascht waren, schafften es als Video schnell ins Netz (Link siehe unten). Nun wird allerdings bezweifelt, dass Alessio Rastani echt ist. Im Gegenteil: Der vermeintliche Börsenmakler wird laut Medienberichten mit den Netzaktivisten The Yes Men in Verbindung gebracht.

Diese betreiben sogenannte Kommunikationsguerilla: Sie hinterfragen die Glaubwürdigkeit scheinbar vertrauenswürdiger Quellen, indem sie sich selbst als seriöse Quelle ausgeben und Absurditäten verbreiten: So trat laut Huffington Post einer der Yes Men bei einer Öl-Konferenz als Speaker auf, gab sich als Exxon-Mitarbeiter aus und behauptete, in Zukunft könne man Öl durch einen ähnlichen Stoff ersetzen, der aus menschlichem Fleisch gewonnen wird.
Falls Alessio Rastani ein fiktiver Charakter ist, der für den Hoax auf BBC geschaffen wurde, wurde ihm auf jeden Fall viel virtuelles Leben eingehaucht: Auf Twitter und Facebook ist Rastani seit 2009 aktiv und gibt sich als Börsenmakler aus. Verblüffende Ähnlichkeit hat Rastani aber mit einem “Experten”, der bereits als Yes Man enttarnt wurde und auch auf BBC ein Interview zu einem Chemieunfall gegeben hat.Ob Rastani wirklich ein Börsenmakler ist oder nicht, in den sozialen Netzwerken verbreitet sich das Video, weil viele User den Inhalt des Interviews brisant finden: ” The Yes Man Börsenhändler […] egal ob falsch oder wahr die Aussagen stimmen leider” postet zum Beispiel der österreichische Twitter-User @medienpirat.