“Erklär’ doch mal das DJing”

Für die neue Wochenend-Ausgabe des STANDARD wurde ich gebeten, doch mal den Nicht-Fortgehenden Print-Lesern zu erklären, was ich da am Wochenende (mit ETEPETETE) oft so mache. Das auch nur annähernd in 6.000 Zeichenen zu fassen ist natürlich nicht möglich, noch dazu für Außenstehende. Nach etlichen Text-Versionen, langem Redigieren (danke Stefan Schlögl!) und viel Bauchweh ist am Ende dieser subjektive Versuch dabei rausgekommen.

Foto

Instagram: Katzenfotos neben Leichen im Newsfeed

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf derStandard.at

Wie Instagram die generelle Berichterstattung und den Foto-Journalismus verändert

Als in Nordkorea 3G verfügbar wurde, begann David Guttenfelder, Fotograf für Accociated Press, einer der wichtigsten Nachrichten-Agenturen der Welt, seine Eindrücke von dort auf Instagram zu teilen. “Bei den ersten hundert Followern habe ich mich schon gefreut und mehr als zehn Likes waren der Hit”, erzählt Guttenfelder bei der SXSW am Sonntag. Mittlerweile erreicht Guttenfelder über Instagram rund 300.000 Follower und bringt ihnen so die Situation an Krisenherden näher.

David Guttenfelders (rechts) Fotos erreichen über Instagram mehr User als je zuvor

David Guttenfelders (rechts) Fotos erreichen über Instagram mehr User als je zuvor

Instagram wird von den meisten Usern für leichtes Entertainment und Lifestyle-lastigen Content (z.B. Cats of Instragram) genutzt, der ernste Inhalt von Accounts wie jenem von Guttenfelder, syrischen Oppositionellen oder dem Time Magazine werden aber genauso angenommen. Kira Pollack, die mitunter den Instagram-Account des Time Magazins betreut, betont, dass gerade die Mischung zwischen ernsten und unterhaltsamen Inhalten auf Instagram für die User interessant ist und gutes Feedback bekommt. Der Großteil des Contents des Time-Accounts ist aber dennoch eher leicht verträglich.

Aktualität

So wird bei Time immer mehr auf aktuelle Postings Wert gelegt. Das reicht von schnellen Reaktionen nach den Oscars oder den Grammys, was aufgrund der Beliebtheit der Fotos die Reichweite der Accounts steigert bis hin zu bewusster Berichterstattung über Instagram, bei der die Fotografen auch angehalten werden, auf ihren Instagram-Accounts zu posten. “Aus der Sicht des Journalisten ist Instagram ganz besonders spannend, da es so schnell ist. In der Sekunde, in der ich das Foto mache, ist es auch schon online und bekommt Feedback”, meint Guttenfelder.

Auswahl

Auf die Frage, welche Fotos er auf Instagram teilt und welche er mit seiner professionellen Kamera der Agentur weiterschickt, erklärt Guttenfelder, dass es Überschneidungen gibt, er aber nachdenkliche, subtile Inhalte eher auf Instagram teilt. Zusätzlich dient Instagram den Agenturen auch immer öfter als Quelle für Fotos, die von “normalen Bürgern” gemacht wurden. (Lisa Stadler, derStandard.at, 10.3.2014)

Links:

Cats of Instragram

David Guttenfelder

Time Magazine

SXSW: Fünf Tech-Trends für 2014

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf derStandard.at.

In Austin, Texas, wurden Innovationen aus Tech, Musik und Film präsentiert

Mehr als 800 Speaker, 2.000 Konzerte, zahlreiche Filme und große Namen von Teilnehmern und Teilnehmerinnen wie Julian Assange, Chelsea Clinton, Edward Snowden, Adam Savage, Lady Gaga, Kanye West, Blondie und viele mehr machen die Konferenz South By South West (kurz SXSW) in Austin, Texas, zum Hotspot für alles, was sich in Sachen Tech, Film und Musik an Innovationen anbahnt. Die große Überraschung blieb in Sachen Technik dieses Jahr aus, dafür wurden aber viele kleinere Services und Tools präsentiert, die klare Trends fuer die nächsten Monate aufzeigen.

Bildschirmfoto 2014-03-21 um 19.06.21Privatsphäre schützen

Wenig überraschend ziehen die Enthüllungen von Edward Snowden technische Konsequenzen nach sich. Neue Services wie Ghostery ermöglichen es Usern mehr Kontrolle über ihre Privatsphäre online zu erreichen. Ghostery zeigt den Usern, welche Websites auf welche Daten zugreifen und berät gleichzeitig Unternehmen dabei, wie sie ethisch korrekt Userdaten nützen können und gibt Informationen über Data-Tracking weiter. Ein zweischneidiges Schwert, das aber mit bereits 20 Millionen Usern vielversprechend klingt.

Self-Tracking

Neben dem Wunsch über die Kontrolle der eigenen Privatsphäre boomen aber auch Self-Tracking-Tools, die genau das Gegenteil des Wunschs nach Privatheit repräsentieren. Das absurdeste, das auf der SXSW beworben wurde, war Nipple.io, ein Sex-Tracking-Tool. User können dort genau über ihr Sexleben Buch führen. Im Vergleich dazu wirken Gesundheits-Tracker und Sport-Tools wie ein alter Hut.

Nipple.io Werbung auf der 6th Street in Austin

Nipple.io Werbung auf der 6th Street in Austin

Kunden ausleuchten

Was Edward Snowden weniger gefallen wird: Die Privatsphäre aushöhlen können Unternehmen mit der fortschreitenden Technologie natürlich auch immer besser. Marketing-Tools, die die “Kunden immer besser kennen” Versprechen eine glorreiche Zukunft für Werbende und Firmen, die ihre Produkte an den Mann und die Frau bringen wollen. Eines davon ist Koupah, das Folgendes verspricht: “You walk into a store, tap your phone, and instantly the store employees know who you are and what your favorite foods or items are.” Das Produkt soll das Service in Geschäften verbessern.

Content Curation und fragmentierte soziale Netzwerke

Das Buzzword schlechthin bei der Konferenz war “Content Curation”. Die unzähligen Inhalte im Netz filtern und für User und Userinnen Sinnvolles auspucken, das wollen heutzutage mehr Services denn je. P. Diddy präsentierte am Mittwoch sein neues “Baby” – Revolt TV, ein “besseres” MTV, das dem Publikum neue Musik und Musik-nahen Content zeigen soll. “I call myself a curator cool”, so Diddy am Podium.

Den Überfluss an Inhalten besser darstellen will Sociyall, das die Social-Media-Plattformen mit einem eigenen Algorithmus abgrast und jedem User seine “Highlights” zeigen soll. So wird auf die Nachteile des Facebook-Algorithmus und der (noch) ungefilterten Netzwerke wie Twitter oder Instagram reagiert.

Was den Nachrichtenkonsum angeht, wird der Markt dezeit überschwemmt mit Services, die den Usern “ihre persönlichen Nachrichten” liefern. Facebook hat es mit Paper vorgemacht, vor wenigen Tagen startete der Yahoo News Digest oder die mittlerweile schon ältere App Circa. In ähnliche Richtungen gehen Plattformen wie delvv.com, das Suchen weiter filtert oder news bayou, das Nachrichten zu bestimmten Orten liefert.

Dazu kommen fragmentierte soziale Netzwerke, die frustrierte Nutzer der big names Facebook oder Twitter abziehen wollen. Egowall soll zum Beispiel das “wirkliche Ich” im Netz repräsentieren. Das spiegelt die Unzufriedenheit jener wider, die ihre virtuelle Identität in den etablierten Plattformen nicht ideal dargestellt sehen. Aroundwire.com wiederum soll ein neues soziales Netzwerk inklusive Handelsplatz sein, bei dem man keine Abgaben an die Plattform zahlen muss.

Neue Bezahlformate

Bitcoin war eines der großen Themen bei der diesjährigen South By South West. Im Panel “The Future Of Money” sprach Fred Ehrsam von Coinbase davon, dass 2014 mit hoher Wahrscheinlichkeit das Jahr sein wird, in dem man bei großen Supermarktketten wie Walmart mit Bitcoin zahlen kann. Obwohl erst vor kurzem die Bitcoing-Börse Mt. Gox pleite ging und es noch große Zweifel hinsichtlich der Sicherheit von Bitcoin gibt, setzen einige Experten auf neue Bezahlformate. Bei der SXSW unterstützte der Rapper Nas öffentlich Bitcoin. (Lisa Stadler aus Texas, derStandard.at, 14.3.2014)

Jacques Renault: Wiens Clubszene muss sich nicht verstecken

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf derStandard.at.

Der US-amerikanische Producer und DJ, der derzeit mehrere Monate in Wien verbringt, über Labels, Clubs in Las Vegas und die österreichische Clubszene

Wenn man sehr viel reist, beginnt man die Städte auch nach ihren Flughäfen zu beurteilen. Jacques Renault schwärmt zum Beispiel vom Wiener Flughafen und preist ihn als einen der besten der Welt. Vielleicht war das ein Grund für ihn, immer wieder mehrere Wochen in Wien zu verbringen.

Die Zeit zwischen seinen Auftritten beträgt für den Producer und DJ meist nur wenige Tage. Städte, in denen Renault eine Zeit lang gelebt hat, waren Washington, Chicago und New York. Aktuell verbringt er die Tage zwischen den Wochenenden für ein paar Monate in Wien. In einer Runde im Riesenrad erzählte er über seine Labels, Clubs in Las Vegas und die österreichische Clubszene.

Jacques Renault ist ein Optimist unter den Musikern

Jacques Renault ist ein Optimist unter den Musikern

derStandard.at: Wie kamen Sie dazu, als House-DJ Ihren Lebensunterhalt zu verdienen?

Renault: Ich habe eigentlich Kunst studiert, aber Musik war immer schon wichtig in meinem Leben. Als ich zum Beispiel nicht mehr Geige spielen wollte, sagte mir meine Mutter: “Ok, aber du musst dir dafür ein anderes Instrument aussuchen. Ganz aufhören mit Musik geht nicht.” Das führte dann dazu, dass ich mit Freunden in diversen Bands Jazz, Punk und klassische Musik spielte, es war wirklich alles dabei. Später war es dann elektronische Musik. Die Arbeit ist alleine auch leichter als in der Band, obwohl ich sehr viele Kollaborationen mache.

derStandard.at: Sie treten auf der ganzen Welt auf. Welche Orte sind derzeit für die Weiterentwicklung von elektronischer Musik tonangebend?

Renault: Es sind immer noch die Klassiker wie New York, London, Paris und Berlin. Aber das ändert sich auch langsam. Immer mehr Labels und gute Events entstehen in kleineren Städten und Orten, die ich nicht erwarten würde. Das hat sicher mit dem Internet, Facebook und all diesen tollen Sachen zu tun. Die Szene geht definitiv in eine globale Richtung. In Amsterdam und Stockholm habe ich letztens geniale Clubnächte erlebt, aber auch in Innsbruck.

Hier geht es zum VIDEO-INTERVIEW mit Jacques Renault.

derStandard.at: Was halten sie von den Riesengagen mancher bekannter DJs?

Renault: Das ist ein Phänomen der letzten Jahre. Ich meine, für die Veranstalter ist es herrlich. Da kommt mittlerweile einfach nur mehr ein Typ mit seinen Platten, CDs oder gar nur mehr dem USB-Stick und bespielt tausende Leute. Bei Bands wie den Rolling Stones muss man noch ein Riesen-Setup dazurechnen und die ganze Entourage. Generell ist aber der Hype um die wenigen Clubs mit den wahnsinnig hohen Gagen wie zum Beispiel die in Las Vegas einfach verrückt. Ich habe schon ein paar Mal in Vegas gespielt, zwar nicht in diesen besagten Locations, und mir diese Welt auch angeschaut. Aber das ist einfach nur extrem artifiziell und absurd. Die Leute gehen dort auch nicht wegen der Musik hin, sondern nur wegen der Location.

derStandard.at: Dass Clubbesucher eher einen Club auswählen und nicht nach dem Lineup gehen, ist auch hier gang und gäbe.

Renault: Ja, das habe ich auch schon bemerkt. Hier sagt man dann zum Beispiel, dass man in die Pratersauna oder die Grelle Forelle geht, und nicht “Wir schauen uns heute diesen oder jenen DJ an”. Das ist okay, im Vordergrund sollte aber die Musik stehen.

derStandard.at: Derzeit gibt es in Wien eine Debatte, dass die Bookings immer kommerzieller werden und der Einheitsbrei größer. Wie nehmen Sie das mit der Sicht von außen wahr?

Renault: Ich denke, das hängt davon ab, was man gerne sehen würde. Generell waren die Bookings, die ich gesehen habe, zum Beispiel letzte Woche mit James Murphy oder vor ein paar Wochen Victor Simonelli aus New York, ziemlich interessant. Dann kenne ich natürlich die Sachen von Johnny von der Deephousemafia und Wolfram und Felix (Fuchs, Anm.), die in den letzten Jahren veranstaltet wurden. Ich habe also eigentlich nur gute Sachen wahrgenommen, die ich selbst auch besuchen würde.

derStandard.at: Welche Wiener Künstler aus Ihrem musikalischen Umfeld finden Sie spannend?

Renault: Wolfram ist sicher einer der wichtigsten, ich kenne ihn auch seit Jahren. Er ist viel international unterwegs, und ich treffe ihn hin und wieder in New York. Seit einigen Monaten lebt ja auch Andrew Butler von Hercules and Love Affair in Wien, es tut sich also was, und Wien muss sich mit seiner Clubszene sicher nicht verstecken. (Lisa Stadler, Maria von Usslar, derStandard.at, 13.3.2014)

Hören Sie hier Tracks, Remixes und Mixes von Jacques Renault im Spotify-Stream:

Wie man (auch) Geschichten erzählen kann

Zugegeben, mir war Tschetschenien bis vor einem Dreivierteljahr ziemlich egal. Ok, als Slawistin wusste ich, dass es dort “Probleme” gibt und habe vielleicht den einen oder anderen Artikel, in dem Tschetschenien vorkommt, nicht sofort geskippt. Ein Zufall hat das aber geändert. Und zwar stolperte ich im phil über den Graphic Novel von Igort “Geschichten aus Russland. Der vergessene Krieg im Kaukasus”, kaufte und las ihn.

Bildschirmfoto 2013-10-14 um 18.47.27Dass ich beim Lesen körperliche Übelkeit empfand und den ganzen Tag quasi im Schockzustand verbrachte, hat bis jetzt kein Buch geschafft. Viel wichtiger aber: Ich wollte aufgrund dieses Buchs noch mehr wissen. Und damit es auch anderen so geht, entstand ein Schwerpunkt auf derStandard.at zum Todestag der kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja. Großen Dank an Igort und seinen Verlag Reprodukt, die uns die Rechte für die Bilder gaben.

Das Ergebnis:

Auszüge aus dem Comic

Interview mit dem Autor

Timeline mit den wichtigsten Ereignissen im Tschetschenienkonflikt

Das Arbeiten mit Animationen, Graphic Novels, Games wird auch für die Aufarbeitung ernster Themen im Jouranlismus immer gefragter. Hier eine richtige Mischung aus Emotionalisierung und seriöser Informationsaufbereitung zu finden ist glaube ich eine der spannendsten Aufgaben derzeit. Und das ist erst der Anfang.

Weitere Tipps:

Guardian-Video zu Guantanamo

Interview zu Newsgames

NYT Stück “Tomato Can Blues”

Aus Österreich: großartige Arbeit von paroli-magazin.at

Feiern im Freien: Partys am Tag florieren

Dieser Text erschien ursprünglich auf derStandard.at

Die Organisatoren von “Tanz durch den Tag” und “Kein Sonntag ohne Techno” über Chancen und Hindernisse

Man stelle sich vor, es organisiert jemand ein Event, das kaum beworben wird, und es wird ihm trotzdem die Bude eingerannt. Die wildesten Träume von so manchem Veranstalter werden für Formate wie “Kein Sonntag ohne Techno” und “Tanz durch den Tag” wahr, denn seit ein paar Jahren werden clubähnliche Events im Freien auch in Wien immer beliebter. Was mit ein paar Dutzend Leuten im Wald begann, zieht nun tausende Besucherinnen und Besucher an.

Zurück zur Natur: Rousseau hätte seine Freude

Das Konzept ist recht einfach: Draußen mit Clubmusik im weitesten Sinn spontan feiern, und zwar tagsüber und bei freiem Eintritt. In Berlin finden Events dieser Art schon länger statt, die deutsche Hauptstadt galt auch als Inspiration für hiesige Veranstalter. “Vor ungefähr drei Jahren hatten wir die Idee, ungenützte Räume auch in Wien lebendiger zu machen. Es sollte ein Gegenpart zur Clubkultur sein, es ist einfach schön, sich in der Natur zu bewegen”, erzählt Marissa Türk, die gemeinsam mit Jan Ernst zum Kernteam des Formats “Tanz durch den Tag” gehört. Ganz ähnlich erging es Max Müllner und Benedikt Fleischhacker, die “Kein Sonntag ohne Techno” organisieren: “Unser Grundgedanke war es, den Sonntag im Grünen zu verbringen und die Leute zum Rausgehen zu animieren”, so Müllner.

Die Nacht zum Tag machen

Dass die Events am Tag stattfinden, füllt gleich für mehrere Zielgruppen eine Lücke: Einerseits gibt es für After-Hour-Feieranten hin und wieder auch nach der Sperrstunde um sechs Uhr früh noch woanders einen Ort zum Feiern, andererseits freuen sich viele Berufstätige darüber, dass sie wieder einmal fortgehen können, ohne dass gleich der nächste Tag verloren ist. “Wir schenken bewusst keinen harten Alkohol aus und um 22 Uhr ist bei uns Schluss. So kann man am nächsten Tag fit aufstehen, und das lässt sich wunderbar mit Uni und Arbeit vereinbaren”, meint Fleischhacker. Während “Kein Sonntag ohne Techno” eher studentisches Publikum anzieht, wird bei “Tanz durch den Tag” auch ein spezielles Programm für Kinder geboten. Türk erläutert: “Unsere Events sollen für alle da sein: Familien, junge Eltern, Leute, die auch mal außerhalb des Clubs feiern wollen.” Das findet großen Anklang, mittlerweile veranstalten auch etablierte Clubs wie die Pratersauna Clubevents am Tag.

Müll und Masse: Wo es Probleme gibt

Was vom Konzept her bis auf die Musik wohl so manchen Alt-Hippie freuen würde, trifft in der Realität aber auf Hindernisse. Das bekannteste davon ist wohl die Müllproblematik: So lautete zum Beispiel bei einer Ausgabe von “Tanz durch den Tag” das Motto “Schütz das Wasser”. Das Publikum hat Umweltschutz aber zu einem großen Teil anscheinend recht wenig interessiert: Nach dem Event war die Wiese mit leeren Dosen und sonstigem Müll übersät. “Wir versuchen, die Leute dahingehend etwas zu erziehen, das ist aber natürlich schwer. Wir haben zum Beispiel zum spontanen Müllsammeln aufgerufen, da kam aber kaum jemand”, erzählt Türk ernüchtert.

Nullsummenspiel

Zudem bereiten die immer zahlreicheren Besucherinnen und Besucher, die ihre eigenen Getränke mitbringen und vor Ort kaum etwas konsumieren, den Veranstaltern Sorgen. Da die Bar die einzige Einnahmequelle der Events ist, müsse auch hier das zuvor für Anmeldung, Strom, Müllbeseitigung und Securities investierte Geld wieder reinkommen. “Wir machen das alle als Hobby und es ist wirklich ein Nullsummenspiel, das soll es aber auch bleiben”, behauptet Türk von “Tanz durch den Tag”.

Weil die Partys möglichst spontan stattfinden sollen, wurden auch nicht alle Events angemeldet. Folglich kam es zu Problemen mit der Polizei, und die Veranstalter mussten erhebliche Strafen zahlen. Erst die letzten zwei Events von “Kein Sonntag ohne Techno” wurden bereits vor Veranstaltungsbeginn von der Polizei verhindert und somit abgesagt.

“Erzwungene Professionalisierung”

Das soll aber der Vergangenheit angehören, glaubt man den Veranstaltern. Man habe dazugelernt und verstehe natürlich, dass bestimmte Bedingungen erfüllt werden müssen, heißt es auf beiden Seiten. Gleichzeitig wünsche man sich aber auch einfachere Bedingungen: “Die Auflagen sind einfach sehr hoch, und unsere Partys passen nicht wirklich in eine Schublade. Wir sind kein kommerzieller Großveranstalter im klassischen Sinn”, so “Kein Sonntag ohne Techno”-Organisator Fleischhacker. “Dass wir so schnell wachsen, ist Fluch und Segen gleichzeitig”, meint auch Jan Ernst von “Tanz durch den Tag”. “Mit dieser Größe müssen wir uns zwangsmäßig professionalisieren und werden auch Richtung Kommerzialisierung gedrängt. Dies möchten wir nicht zulassen, deswegen werden wir in Zukunft auf Crowdfunding setzten, um auch in Zukunft ohne Banner feiern zu können.”

Locationsuche

Sowohl “Tanz durch den Tag” als auch “Kein Sonntag ohne Techno” haben zudem Probleme mit der Locationsuche. Während “Tanz durch den Tag” einen permanenten Ort im Grünen sucht, der legal bespielbar ist, wird es bei “Kein Sonntag ohne Techno” noch etwas komplizierter. “Wir wollen jedes Mal einen anderen, besonderen Platz im Freien finden, aber die meisten Grünflächen sind gar nicht oder nur sehr schwer mietbar”, meint Müllner. Bei ihnen gestaltet sich die Suche nach einem Ort zudem noch schwieriger, weil sie sich ausgerechnet den Sonntag, den “Tag der Ruhe” als Veranstaltungszeitpunkt ausgesucht haben. Deswegen muss sichergestellt sein, dass es keine Anrainerprobleme geben kann.

Neue Herausforderung für die Stadt Wien

Beide Veranstalter haben den Eindruck, dass die bürokratischen Hindernisse zu groß sind. Die Fristen für die Event-Anmeldung seien zu lang und die Kosten für den Strom zu hoch, so Ernst: “Wir würden uns wünschen, dass die Stadt langsam versteht, wie sehr wir sie mit unseren Events bereichern. Was Wien mit sehr viel Geld zu konzipieren versucht, machen wir einfach so. Wir wünschen uns von einer Kulturstadt wie Wien hier mehr Unterstützung, indem die Bürokratie vereinfacht wird. Wir brauchen nicht mal Geld, sie sollen uns einfach machen lassen”.

Als Vorbild werden hier einzelne Städte in Deutschland und der Schweiz genannt, wo es seit kurzem einfacher ist, spontane Open-Air-Festivals anzumelden. Auf Nachfrage des Standard.at im Büro der Stadträtin Ulli Sima meinte die Pressesprecherin, dass noch kein Veranstalter an sie herangetreten sei. Im konkreten Fall müsse man sich das anschauen, generell gebe es aber klare Regelungen, und es würden Bewilligungen oft schon innerhalb einer Woche ausgehändigt. (Lisa Stadler, derStandard.at, 4.8.2013)

Lisa Stadler auf Twitter: @lisapetete

Liveticker: Kollektives Erleben als Qualität

Dieser Text erschien ursprünglich auf derStandard.at.

Warum das Format Liveticker keineswegs ein journalistischer Verzweiflungsakt ist. Eine Lobpreisung

In der aktuellen Ausgabe der deutsche Wochenzeitung “Zeit” beschwert sich Kilian Trotier darüber, dass Online-Medien seit Monaten den Liveticker als neue Form der Berichterstattung testen würden. Für ihn ist das ein klares Zeichen des Hinterherhechelns, ein verzweifeltes Aufholenwollen und Kopieren der sozialen Medien.

“Wie nirgends sonst wird in ihm (dem Liveticker, Anm.) die Zerrissenheit des modernen Journalismus deutlich: Er muss die Angebotsformen für sein Publikum maximal diversifizieren und den Geschwindigkeitsrausch der neuen Taktgeber mitmachen, bis es nicht mehr schneller geht. Er muss beim Schritthalten mit der Ereignismoderne alle reflexive Distanz einziehen und das aktuelle zum Absoluten machen – auch wenn er weiß, dass er seine einstige Deutungsmacht am allerwenigsten mit Fast-Food-News im Liveticker-Format zurückgewinnen wird”, heißt es bei Trotier.

Der Journalismus und hier insbesondere der Online-Journalismus geht also laut Trotier mehr oder weniger den Bach hinunter, und der Liveticker ist eines der vielen Zeichen dafür. Dabei übersieht er aber eine Qualität dieses Formats, die mehr als geschätzt werden sollte: das kollektive Erleben nämlich.

Neue gemeinschaftliche Räume

Der große Vorteil – und wahrscheinlich sogar der wichtigste -, den der Liveticker den LeserInnen nämlich bieten kann, ist das gemeinsame Mitverfolgen und Erleben von Nachrichten. Ja, wir wollen zwar alle so schnell wie möglich von relevanten Ereignissen erfahren, aber das sollte sowieso eine Basisleistung von Online-Medien sein.

Viel spannender ist zu sehen, was andere darüber denken, oder auch einfach nur zu sehen, dass man bei der Informationskonsumation nicht alleine ist. Fußball, “Tatort”, aber auch das Hochwasser sind Dinge, die bewegen. Gerade deswegen tauschen sich die User auf Twitter und Facebook darüber aus und schaffen so virtuelle Beisln, Stammtische, an denen gelacht, gestritten und diskutiert wird.

Die LeserInnen schätzen das Format Liveticker deshalb so sehr (der Erfolg lässt sich leicht an Zugriffszahlen und tausenden Kommentaren messen), weil der individualisierte Medienkonsum, der auch aus individualisierten Lebensgestaltungen resultiert, kaum mehr kollektive Ereignisse zulässt: Jede(r) sieht die eigene Lieblingsserie dann, wann er oder sie will, und hört die geschätzte Radiosendung im Podcast nach.

Dass gerade bei großen Online-Medien die UserInnen wieder zusammenfinden, ist eigentlich amüsant – war das Zeitunglesen doch immer eine individuelle Angelegenheit, die Abschottung garantierte. Man denke an Familienmitglieder, die sich hinter der Zeitung verschanzen und somit als nicht mehr ansprechbar gelten.

Der Liveticker nimmt niemandem etwas weg

Abgesehen davon, dass der Liveticker zumindest bei derStandard.at bereits ein Kind der 90er Jahre ist, also keineswegs als “neu” einzustufen, unterstellt Trotier dem Format auch, dass es per se die “Deutungsmacht” des Journalismus untergrabe. Das mutet ein wenig eigenartig an – als habe je ein Liveticker eine kritische Analyse oder einen Hintergrundtext zum gleichen Thema verhindert.

Der angebliche Verlust der “Deutungsmacht” findet zudem einfach nicht statt. Geradezu das Gegenteil ist der Fall: Ein Liveticker ist in vielen Teilen Kommentar, Interpretation und Meinung, sowohl auf der Absenderseite als auch auf Userseite. Das Ganze noch dazu live zu betreiben ist noch dazu mutig, da hier keine Chefinstanz die Meinung der live Tickernden kontrollieren kann.

Dass auch dieses Format Grenzen hat, die etwa oe24.at beim Liveticker eines Begräbnisses überschritt, sollte sich von selbst verstehen und wird hier der Vollständigkeit halber am Rande erwähnt.

Schnelligkeit und kritischer Journalismus

Ja, die UserInnen wollen die Nachrichten so schnell wie möglich lesen, und das ist auch ihr gutes Recht, genauso wie es ihr gutes Recht ist, im Anschluss an Geschehenes Einordnungen, Kommentare oder Reportagen dazu zu lesen. Der Liveticker ist ein Format, das als wertvolle Ergänzung zu kritischem Journalismus gesehen werden sollte – mit dem Vorteil, dass er neue Formen der Gemeinschaft ermöglicht. Und wer jetzt sagt, dass Online-Gemeinschaften schräg sind, der findet es wahrscheinlich auch eigenartig, wenn sich Paare im Internet kennenlernen. Für jene gibt es zum Glück auch noch analoge Beisln. Dort verfolge ich dann den nächsten Fußball-Liveticker bei einem Schnitzel. (Lisa Stadler, derStandard.at, 10.6.2013)

DJ-Verbot: Stille im Grazer Parkhouse

Dieser Text erschien ursprünglich auf derStandard.at.

Das Veranstaltungsgesetz macht es Clubbetreibern in der Steiermark schwer – aber nur manchen

Die Betreiber des Parkhouse in Graz, einem Lokal mitten im Stadtpark, dachten nicht, dass es so schnell gehen würde. Dass Martin Aichmayer und Andreas Huber das neue Veranstaltungsgesetz in der Steiermark noch Mühe bereiten würde, hatten sie zwar schon geahnt. Als sie dann jedoch von einem Tag auf den anderen das DJ-Line-up für den gesamten Juli absagen mussten, konnten sie es selbst kaum glauben. Aber genau so kam es letzte Woche.

Bürokratische Hindernisse

Zum Verhängnis wurde dem Parkhouse eine Genehmigung zur Beschallung der Innenräume, die mit dem neuen Gesetz notwendig wurde. Diese fehlt dem Lokal nämlich; angemeldete Konzerte vor dem Gebäude sind hingegen erlaubt. “Wir empfinden das als Schikane. In unzähligen anderen Lokalen in Graz ist die Situation gleich, bei uns wird aber plötzlich genau geschaut. Die bürokratischen Anforderungen für kleine Lokale um diese Genehmigung zu bekommen, sind für uns zu groß”, kritisiert Aichmayer. “Fragt man den Bürgermeister direkt, ob er etwas gegen Musik im Stadtpark hat, verneint er das natürlich. Dann aber passieren solche Aktionen.”

Die Politik will nicht schuld sein

Aufseiten der Politik will an der Parkhouse-Problematik keiner die Schuld tragen. Während sich die Grünen mit Stadträtin Lisa Rücker in einer Aussendung auf die Seite der Veranstalter schlagen, verweist Thomas Rajakovics aus dem Büro von Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) auf FPÖ-Stadtrat Mario Eustacchio. Nagl selbst habe mit dem Veranstaltungsgesetz nichts zu tun.

Eustacchios Pressesprecher Ernst Brandl wiederum hält das Landesgesetz, das derzeit neu begutachtet wird, nicht für praktikabel und will es den Veranstaltern leichter machen, wie er gegenüber derStandard.at sagt. Er sieht aber wie auch der Betreiber des Parkhouse schwierige Zeiten für Events in Stadtparknähe kommen. Der Grund: ein neues Wohnbauprojekt.

Ein beruhigter Stadtpark als Ziel?

Beim Karmeliterplatz direkt beim Grazer Stadtpark entstehen in Kürze 70 “exklusive” Eigentumswohnungen. Das Projekt “Pfauengarten”, vermuten manche GrazerInnen, könnte der Grund dafür sein, dass die Politik den Stadtpark zu einer beruhigten Zone machen will. Neben dem Wirbel um das Parkhouse soll laut Aussendung der Grünen auch ein Verkehrsgarten vom Park in eine Halle verlegt werden. Zudem werde für die Kulturinstitution Forum Stadtpark ein gediegener Kaffeehausbetrieb angedacht.

Die Szene zeigt sich erbost

“Für solche Aktionen hat wirklich keiner in der Grazer Kulturszene Verständnis”, meint DJ Prinz Albert, der selbst auch schon im Parkhouse aufgelegt hat und einer der vielen ist, die sich dieser Tage auf Facebook über die Einschränkungen erbosen. “Plätze wie das Parkhouse braucht Graz einfach. Es ist nicht das erste Mal, dass hier gezielt kleine, eher alternative Lokale angegriffen werden”, sagt der DJ. “Wenn diese restriktive Kulturpolitik so weitergeht, ist vom Flair der Kulturhauptstadt 2003 bald wirklich nichts mehr übrig, und ich kann in DJ-Frühpension gehen, weil ich nirgends mehr auflegen darf.”

Während auf der einen Seite Großprojekte wie das Springfestival, Elevate und das Urban Art Forms Festival den Raum Graz in Sachen elektronischer Musik und Clubkultur bereichern, haben kleinere Lokale immer noch zu kämpfen.

Wie es mit dem Parkhouse weitergeht, ist derzeit unklar. Dass die aktuellen Probleme aber symptomatisch für eine verbotsorientierte Kulturpolitik in Graz seien, darin sind sich in diesem Fall Veranstalter und DJ einig. (Lisa Stadler, derStandard.at, 9.7.2013)

Was darf Bushido?

Dieser Text erschien ursprünglich auf derStandard.at.

Der deutsche Rapper will in seinem neuen Song die Grünen-Chefin Claudia Roth erschießen. Über die umstrittene Freiheit der Kunst

Sexismus, Rassismus, Hasstiraden, das sind wir alles schon gewohnt, wenn es um gewisse Ausformungen des Rap geht. Um also flächendeckende Berichterstattung zu gewährleisten, müssen neue Dimensionen her. K.I.Z. versuchten es jüngst mit ihrem Song “Ich bin Adolf Hitler”, so richtig schockierte das aber auch niemanden.

Bushido ging das Ganze schon gefinkelter an und hatte in Sachen Aufregerproduktion mehr Erfolg: Sein neuer Track “Stress ohne Grund” wurde innerhalb von zwei Tagen auf Youtube 1,2 Millionen Mal angesehen, bevor er gesperrt wurde und die Politiker Klaus Wowereit und Serkan Tören Strafanzeige gegen ihn erstatteten. Und zwar wegen der Strophe, in der Bushido den TV-Moderator Oliver Pocher körperlich angreift, er sich wünscht, dass Serkan Tören stirbt, und die deutsche Grünen-Chefin Claudia Roth erschießt.

Ob der Stil Bushidos nun künstlerisch wertvoll ist oder nicht, darf an anderer Stelle diskutiert werden. Die Frage, an der sich die Geister scheiden, lautet nun: “Darf Bushido das überhaupt, und ist das noch Kunst?”

Bushido, der neue Schlingensief?

Dass auf einer Bühne der Tod eines aktiven Politikers geschildert wurde, regte schon im Jahr 2000 auf, als im Grazer Schauspielhaus in Schlingensiefs Inszenierung “Schnitzler’s Brain” auf der Bühne “Tötet Wolfgang Schüssel” skandiert wurde. Damals ging der Streit zugunsten des Künstlers aus, Schlingensief produzierte bis zu seinem Tod 2010 noch zahlreiche weitere Skandale und gilt heute gemeinhin als einer der wichtigsten Künstler im deutschsprachigen Raum.

Kontext is king?

Kann der zweifelhafte deutsche Gangsta-Rapper Bushido nun mit dem in der Hochkultur verorteten Wagner-Inszenierer Schlingensief gleichgesetzt werden? Hier kommt das Argument der Rezeption ins Spiel: Im Grazer Schauspielhaus versteht doch wohl jeder, dass ein Mordaufruf nicht ernst gemeint ist, die Bushido-hörende Deutschrap-Jugend sieht das sicher anders, könnte man meinen. Hier wird aber übersehen, dass gerade im Gangsta-Rap eine vor Brutalität strotzende Fantasiewelt zentral und Teil des “Spiels” ist. Das verstehen meist auch die zwölfjährigen HörerInnen, die sich womöglich am Tabubruch erfreuen und die brutale Fiktion als Ventil sehen – wie etwa das Konsumieren eines Quentin-Tarantino-Films.

Autor vs. Kunstfigur

Wenn also auf einer Theaterbühne zum Mord aufgerufen werden kann, in Computerspielen George W. Bush mit Schuhen beworfen und getötet werden kann, sollten demnach die Klage gegen Bushido keine Chance haben. Hier wird wohl die entscheidende Frage sein, ob Bushido eine Kunstfigur ist und inwiefern sie von Anis Mohamed Youssef Ferchichi (Bushidos bürgerlicher Name) zu trennen ist. Wie der Künstler im “ZiB 24″-Interview es selbst wortgewandt formuliert: Als Privatperson lehne er jede Form von Gewalt ab.

Gefahr des Missbrauchs eindämmen

Demnach könnte unter dem Deckmantel der Freiheit der Kunst jede extremistische Gruppe fröhlich ihre Ansichten in Form von Theaterstücken, Installationen, Spielfilmen, Games und Songs verbreiten. Dem entgegenzuwirken wurden Einrichtungen wie die deutsche Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien ins Leben gerufen, die entscheiden sollen, was erlaubt sein soll und was nicht. Weiters wird zu klären sein, ob das Recht der Kunstfreiheit von Bushido dem Recht der Ehre der Betroffenen, in dem Fall der Klagenden, voranzustellen ist.

Wie die Bundesprüfstelle und das Gericht auf die Klage Wowereits und Törens reagieren werden, wird eine der spannendsten Entscheidungen dieser Tage sein. Diese wird sowohl die Rolle des Kontexts in der Kunst als auch die Unterscheidung zwischen E und U widerspiegeln. (Lisa Stadler, derStandard.at, 16.7.2013)

VÖZ-Kampagne: Social Media sind nicht der Feind

Dieser Text erschien ursprünglich auf derStandard.at.

Die neue Kampagne des Verbands Österreichischer Zeitungen zeigt, dass die sozialen Medien nicht richtig verstanden werden

“140 Zeichen reichen nicht aus!” Das ist einer der Claims der neuen Kampagne des Verbands Österreichischer Zeitungen, mit dem die Pressearbeit und insbesondere die Pressefreiheit mehr positive Aufmerksamkeit bekommen sollen. Der Seitenhieb auf Twitter, der durch das Sujet des toten Vogels entsteht, suggeriert aber, dass soziale Medien im Kontext der Pressearbeit etwas Negatives sind. Soziale Netzwerke sind aber die Freunde und nicht die Feinde der Pressefreiheit.

Dass soziale Medien eine Demokratisierung des Informationsflusses bedeuten, ist nichts Neues. UserInnen können sinnvolle und auch sinnentleerte Informationen leichter als früher an JournalistInnen kommunizieren. Ob dieses Wissen Gewicht hat und in der Presse verwendet werden kann, liegt weiterhin im Ermessen der Medien. Diese haben lediglich den Vorteil, dass sie auf eine größere Menge an ExpertInnenenwissen zurückgreifen können als in den Zeiten des Web 1.0. Die Gatekeeper-Funktion der JournalistInnnen wird also gleichzeitig aufgewertet und durch die Communtiy kontrolliert. Dass es unsinnige Falschmeldungen und Enten zuhauf gibt, ist kein Phänomen, das auf Social Media zurückzuführen ist, sondern ein rein menschliches.

Nicht nur die LeserInnen können leichter in Kontakt mit den Medien treten – die Medien erreichen ihre LeserInnen auch leichter als zu Prä-Twitter-Zeiten. Und was das Ganze noch besser macht: Medien erreichen Menschen, die sie über klassische Kanäle überhaupt gar nicht mehr erreichen würden. Dass 14-jährige SchülerInnen auf der Facebook-Seite von derStandard.at während der Unterrichtszeit einen Innenpolitik-Artikel kommentieren, ist keine Ausnahme. Diese SchülerInnen würden aber eher selten auf die Idee kommen, derStandard.at direkt zu besuchen.

Bis zu einem gewissen Grad ist es verständlich, dass Textmenschen Probleme mit Zeichenbeschränkungen haben. Social Media die Schuld an inhaltlicher Verknappung zu geben ist aber so, als würde man einem E-Mail-Provider die Schuld dafür geben, dass es Spam-Mails gibt. Natürlich kann Twitter keine komplexen Zusammenhänge in 140 Zeichen liefern. Das wollte und konnte es aber auch nie. Dafür kann es vielen, vielen LeserInnen da draußen sagen, dass es eine Reportage überhaupt gibt, und ihnen Lust darauf machen, sie zu lesen.

Genauso wenig wie Video das Radio gekillt hat, werden Social Media die Pressefreiheit gefährden. Ganz im Gegenteil. Dank der sozialen Medien bestehen einige Medien, die vielleicht Probleme hatten, immer noch. Und erreichen mehr LeserInnen als je zuvor. (Lisa Stadler, derStandard.at, 2.5.2013)

DJ-Alltag: Eine Nachtschicht für 50 Euro

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf derStandard.at.

DJs genießen den Ruf, einer besonders coolen Tätigkeit nachzugehen. Doch die Realität sieht oft ganz anders aus

Der DJ, das bewunderte Wesen. Er spielt Tracks, die ihm gefallen, und das Publikum liebt ihn dafür. Mit ein wenig Übung mausert man sich recht schnell zum gefragten Act – die Belohnung sind dann riesige Gagen und ewiger Ruhm. Für eine handvoll DJs weltweit – Stichwort David Guetta, Tiesto, Armin van Buuren oder Deadmau5 – mag das so funktionieren (derStandard.at berichtete über ihre absurd hohen Gagen), für das “DJ-Fußvolk” ist das Dasein als Selektor und Entertainer aber ein viel härteres als man glauben mag.

Zwischen Hobby und Beruf

“In Österreich können geschätzt zehn Prozent der DJs vom Auflegen leben”, meint Laminat, seit rund zehn Jahren selbst DJ und Produzent in Wien. Dabei sind aber bekannte Artists wie etwa Kruder und Dorfmeister bereits ausgenommen. Weil die Gagen oft so gering sind, schlagen sich die meisten gezwungenermaßen irgendwie durch und haben einen oder mehrere Brotjobs um ihr Leben finanzieren zu können. “Um es auch international zu schaffen, muss man auch selbst Tracks produzieren, nur viel aufzulegen ist da zu wenig”, so der Wiener. Der Rest legt schon mal eine Nachtschicht ein, und das für eine Gage von circa 50 bis 250 Euro.

Die alles andere als gesundheitsförderlichen Bedingungen kennt jeder, der schon einmal um die Häuser gezogen ist: verrauchte Luft trotz Rauchverbots, Lautstärken, die so manchen HNO-Arzt erschaudern lassen, nerviges Publikum, das sich Songs wünscht, die man nicht spielen will. Dazu kommen immer wieder Veranstalter, die sich nicht an Abmachungen halten wollen.

Preisdumping durch Konkurrenz und Veranstalter

“Es ist schon ein Wahnsinn, wie manche Clubbesitzer einen über den Tisch ziehen wollen”, schildert Sophia Hoffmann, DJ, Journalistin und Köchin. Die Österreicherin lebt mittlerweile in Berlin, wo sie in Sachen Konkurrenzkampf und Gagen noch schlimmere Bedingungen herrschen als hierzulande: “DJs gibt es wie Sand am Meer, und einige sind sogar froh, wenn sie gratis spielen können, weil sie meinen, dass ihnen das etwas bringt. Man ist einfach austauschbar und sogar in Clubs, wo man öfter spielt, und man glaubt, eine Heimat gefunden zu haben, kann es sein, dass man von einen Tag auf den anderen nicht mehr gebucht wird, weil es Nachwuchs gibt, der es noch billiger macht.”

Die Veranstalter profitieren davon, dass sich die DJs untereinander die Preise zerstören. Bisweilen kommt es auch vor, dass trotz vorab fixierter Gagen dann doch nicht gezahlt wird. “Ungefähr alle zwei Jahre kommen ein paar neue Artists, die quasi gratis auflegen. Am Anfang kann das ja recht nett sein, aber nach ein paar Jahren merkt man, dass sie entweder wieder verschwinden oder bei dem Spiel nicht mehr mitmachen und auch adäquate Gagen verlangen”, bestätigt Laminat. 150 Euro für drei Stunden Spaß an der Musik klingen für Außenstehende vielleicht ganz gut, die wenigsten denken aber an das Rundherum. Wenn man Steuern, Taxigeld, Anreisezeit, die Vorbereitungszeit für einen Auftritt und die zahlreichen Stunden, die man im Club vor und nach dem Auftritt anwesend sein muss, mitzählt, schrumpft der Stundenlohn recht schnell. So ganz nebenbei soll der Künstler dann auch noch über seine Netzwerke die Veranstaltung bewerben und vielleicht noch am Flyer mitbasteln – Aufgaben, die seinerzeit ganz klar und ausschließlich beim Veranstalter lagen.

Keine Rechtssicherheit

Um also vom Auflegen leben zu können, brauchen DJs viele Bookings. Falls diese bei genug Ambitionen und Verbindungen möglich sind, stehen sie meist vor dem nächsten Problem: Zwar hat schon fast jede mittelgroße Bar regelmäßig jemanden dort, der Musik auflegt, die wenigsten schließen jedoch Verträge ab. Krankenstände werden somit etwa schnell zum Problem: “Einmal hab’ ich mich mit 38 Grad Fieber in den Club geschleppt, um dann vor circa 300 Leuten mit Schweißausbrüchen und zitternden Händen mein Set runterzuspielen. Dann gab’s 70 Euro. Der Veranstalter war an dem Abend nicht mal da. 43 Euro sind fürs Taxi draufgegangen, weil ich, krank wie ich war, natürlich hin- und retour gefahren bin. Da hab ich mich gefragt: Wozu mach’ ich das eigentlich?” schreibt uns ein Wiener Artist, der anonym bleiben möchte, per Mail.

Zu wenig Verständnis seitens Veranstaltern und Publikum

Dass DJs oft nur als Dekoration gesehen werden, die eben in eine moderne Bar gehören, merken die Acts oft auch am Zustand des technischen Equipments vor Ort. Funky P, Resident DJ für das Message Magazin, der mit seiner Crew Frisch Saftig Stylisch bevorzugt Hip Hop und Funk auflegt, muss für andere Gigs oft neben den ohnehin schon schweren Platten sein eigenes Mischpult mitnehmen: “Den Veranstaltern fehlt oft das Verständnis dafür, was wir machen. Wir kommen manchmal in Bars, wo alte Technik vor Ort ist, mit der man zum Beispiel nicht einmal scratchen kann. Also können wir dort eigentlich unseren Job gar nicht machen. Das ist schon hart.” In kleineren Locations müssen sich außerdem ein bis zwei DJs die ganze Nachtschicht aufteilen, was sehr an die Substanz gehen kann. Die Gage ist dadurch nicht größer.

Was die künstlerische Selbstverwirklichung bei DJs angeht, gibt es verschiedene Universen: Wo in größeren Clubs die meisten das Glück haben, ihr Programm selbst zu gestalten, mutiert der DJ in Bars und Restaurants oft zur menschlichen Juke-Box, die Wünsche erfüllen muss. Zum Problem wird das nur, wenn die Erwartungshaltung zwischen Publikum und DJ auseinandergehen: “Es kann schon vorkommen, dass die Leute sich Tracks wünschen, die ich nur mit schwerer Überwindung spielen kann. Gerade im Hip Hop liegen Welten zwischen Underground und Mainstream. Das kann schon sehr mühsam sein, ist aber oft Teil des Jobs”, erzählt Funky P. Wenn dann auch der Rest wie Gage oder Technik nicht passt, kann so eine Auflegenacht von der erwarteten lässigen Party zur mehr als mühsamen Arbeit werden.

Nicht nur Jammern

Dass so viele sich dennoch das DJing “antun”, liegt einfach daran, dass der DJ in den meisten Fällen für die Musik brennt und seine Lieblingstracks mit dem Publikum teilen will. “In vielen Fällen sind das ja auch positive Erlebnisse, die man an so einem Abend hat”, sagt Sophia Hoffmann, die unter ihrem Künstlernamen Tigeress DJ weiß, wie man feiert. Die Grenze zur Selbstausbeutung wird wie in vielen Kreativberufen dementsprechend häufig überschritten. (Lisa Stadler, derStandard.at, 18.4.2013)

Absurde DJ-Gagen zerstören den Markt

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf derStandard.at.

Der amerikanische Markt entdeckt die elektronische Musik. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Clubs und Festivals in Europa

Ricardo Urgell, Betreiber des wohl berühmtesten Clubs Europas, des Pacha in Ibiza, hat es vor einiger Zeit gereicht: Weil die DJs immer höhere Gagen verlangten, kündigte er kurzerhand seinen Programmchef und verlängerte die Verträge einiger Superstars einfach nicht mehr. Die Folge war eine Grundsatzdiskussion über die hohen Gagen mancher Größen der elektronischen Musik, zuletzt berichtete auch die “New York Times” ausführlich über die Probleme auf Ibiza.

Amerika ist “schuld”

Wie kam es überhaupt dazu, dass ein DJ wie David Guetta für einen Auftritt zuweilen 250.000 Euro Gage bekommt und Forderungen von 50.000 Euro auch von mittelbekannten Artists keinen Veranstalter mehr überraschen? “Diese Entwicklung hat hauptsächlich in den letzten zwei Jahren ihren Lauf genommen, und das liegt daran, dass Amerika jetzt elektronische Musik für sich entdeckt”, sagt Stefan Auer, seit Jahrzehnten als Veranstalter in Graz tätig und Organisator des Springfestivals.

Jahrzehntelang galt Europa als Heimat und Brennpunkt elektronischer Musik: Hier wurden DJs in Clubs gefeiert, die unbekannte Tracks auflegten, noch lange bevor das irgendjemanden in den USA interessierte. Nicht zuletzt wegen Änderungen der Rechtssituation für US-Radiosender bekamen in letzter Zeit auch in den USA vermehrt europäische und in der Folge amerikanische Elektronik-Artists Airtime. Und das Publikum sprang auf den Zug auf.

Las Vegas ist das neue Ibiza

Binnen weniger Monate entstanden in den USA nach europäischem Vorbild riesige Festivals, die die DJs abfeierten. Tiësto, einer der weltweit am besten verdienenden DJs, macht nun erstmals seit Jahren keinen Stopp mehr in Ibiza. Ihn zieht es nach Las Vegas, das als neues Ibiza gehandelt wird. “Man merkt, dass dort Entertainment noch etwas wert ist.”, sagt Christian Lakatos, Organisator des Urban Art Forms Festivals, der gerade aus Las Vegas zurückgekehrt ist. “Ticketpreise von bis zu 150 Dollar schrecken dort niemanden ab. Hier jammern alle schon bei 15 Euro Eintritt.” Das liege daran, dass dort eine andere Entertainment Kultur herrsche, wo man es gewohnt sei zum Beispiel auch für College Football Games Eintritt zu zahlen. In den USA habe die Entertainment Kultur einen anderen Stellenwert und die Leute seien es gewohnt, hohe Eintrittspreise zu zahlen, meint Lakatos weiter.

Spektakel statt Musik

Riesige Clubs nehmen in Las Vegas große DJ-Namen unter Vertrag, das Penthouse für die Artists befindet sich gleich ein paar Stockwerke über dem Club, und die Gagen sind so hoch, dass selbst hartgesottenen Brancheninsidern schwindlig wird. Künstler wie Deadmau5 entscheiden sich dementsprechend wenig überraschend dafür, mehr Gigs in den USA zu spielen. “In Las Vegas sind die DJs die neuen Varieté-Shows, wenn man so will. Das ist nur mehr Jahrmarkt, Spektakel, Zirkus, da geht es gar nicht mehr um die Musik. Liveauftritte werden für die Künstler außerdem immer wichtiger, weil immer weniger Musik gekauft wird”, bestätigt Stefan Auer.

Blase kurz vor dem Platzen

Der Maßlosigkeit, die durch Angebot und Nachfrage ermöglicht wird, sind jedoch laut Szenekennern Grenzen gesetzt. Philipp Straub, Chef der Künstleragentur Titan, der Artists wie Paul Kalkbrenner und Carl Cox nach Österreich bringt, glaubt, dass das Systems nicht mehr lange rentabel sein wird: “Eine ähnliche Situation hatten wir schon von 2000 bis circa 2003, als die Blase geplatzt ist. Jetzt steuern wir wieder darauf zu, aktuell befinden sich die Gagen sicher am Zenit.”

Solange es sich für Veranstalter und Artists rentiere, werde das Spiel noch weitergehen, meint Straub. “Aktuell sehe ich zwei Trends: Große Festivals mit dementsprechend großen Namen und hohen Ticketpreisen auf der einen Seite – und auf der anderen die florierende Clubszene im Niedrigpreissegment, die die Szene gesund hält. Große Shows mit nur einem Artist sind eher wieder am Verschwinden.”

Konkurrenzkampf in Österreich

Kurz vor Beginn der heimischen Festivalsaison machen sich die Entwicklungen auch in Österreich bemerkbar. “Wir müssen jetzt viel mehr um internationale DJs kämpfen als früher, weil viele verständlicherweise nur mehr in den USA spielen wollen”, sagt Christian Lakatos. Dennoch mache man ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr mit, sind sich Lakatos und Auer einig: “Ab einer gewissen Grenze spielt der Act dann einfach nicht bei uns.”

Von dem Konkurrenzkampf zwischen den österreichischen Festivals profitieren vor allem die Artists, meint Lakatos: “Es gibt immer wieder den Fall, dass man von jemand anderem überboten wird. Gerade in den letzten Jahren werden manchmal absurd hohe Gagen geboten, und der besagte Act spielt dann plötzlich woanders.” Das wiederum treibt für die BesucherInnen die Ticketpreise in die Höhe. (Lisa Stadler, derStandard.at, 11.4.2013)

Social Media nach dem Tod

Dieser Text erschien ursprünglich auf derStandard.at

Welche Auswirkungen unbetreute Social-Media-Profile von Toten auf die Hinterbliebenen haben können

“Ich wünsche dir viel Glück auf deiner Reise”, lautete vor kurzem ein Facebook-Posting, das ein User einem anderen auf seiner Pinnwand hinterließ. Eigentlich keine ungewöhnliche Nachricht, wäre der Adressat am Leben. Dieser war aber unerwartet vor ein paar Tagen gestorben und seine Freunde auf Facebook begannen, sein Profil als digitale Gedenkstätte zu nützen.

Neue, öffentliche Formen der Trauer

Sie posteten Fotos, Videos, Erinnerungen in Textform – eine durch die sozialen Netzwerke entstandene Art, mit Trauer umzugehen, die in einer neuen (Teil-)Öffentlichkeit stattfindet. “Es ist gut, Trauer offen auszuleben und sie nicht zu verdrängen. Diese Form der Trauerverarbeitung und Erinnerung kann eine sehr schöne und hilfreiche sein”, meint Eva Mückstein, Präsidentin des Österreichischen Verbands für Psychotherapie.

Die Trauernden tauschen sich dort intensiv aus, können einander helfen und sich auch Jahre nach dem Tod noch dort etwa zum Todestag treffen. “Vorausgesetzt, die engen Familienmitglieder wollen das so. Denn sie sind diejenigen, die die Entscheidungsmacht haben sollten, wie mit Accounts in sozialen Netzwerken umgegangen wird, wenn der oder die Verstorbene das nicht selbst geregelt hat”, ergänzt Mückstein. Ungewollt könne eine solche Form der Trauerverarbeitung genau den gegenteiligen Effekt haben und für die Hinterbliebenen sogar zur Qual werden. Dann könne nicht mit der Trauer abgeschlossen werden und es entstehen neue Probleme.

Ungewollte Lebenszeichen aus dem Jenseits

Unternimmt man nach dem Tod eines Facebook-Users zum Beispiel gar nichts, kann er weiterhin bei Geburtstagserinnerungen oder in gewissen Werbeformen auftreten (à la “Max Mustermann und drei weitere Freunde sind Fan dieser Seite”). Auch die simple Präsenz des Profils kann belastend sein.

Was also tun mit den Social-Media-Profilen, wenn jemand aus der Verwandtschaft oder eine nahestehende Person verstorben ist? Die meisten sozialen Netzwerke haben bereits Lösungen parat, diese unterscheiden sich aber von Fall zu Fall.

Lösungen der Anbieter

Bei Facebook etwa gibt es für Verwandte oder Befugte nach Ausfüllen bestimmter Formulare und Einsenden der Sterbeurkunde die Möglichkeit, das Profil in den “Gedenkstatus” zu versetzen. Das Profil ist dann gekennzeichnet, User können darauf Postings hinterlassen, die Person scheint aber nicht mehr bei Benachrichtigungen oder Werbeformen auf. Bei Bedarf kann der Account auch vollständig gelöscht werden, den Zugang zum Profil, um etwa private Nachrichten lesen zu können, gibt Facebook aber nicht heraus.

Ähnlich verläuft es bei Twitter: Der Account kann deaktiviert werden, die Login-Daten werden aber nicht herausgegeben. Etwas schwieriger wird es etwa bei Flickr, wo es derzeit keine Möglichkeit gibt, auf private Fotos zuzugreifen, da das Unternehmen die Privatsphäre der User auch nach dem Tod schützt.

Eine Imagefrage

Eine andere Frage, die sich im Zusammenhang mit dem Umgang der Social-Media-Auftritte von Verstorbenen stellt, ist: Welches Bild soll man von dieser Person nach ihrem Tod aufrechterhalten? Jenes, das sie gerne gesehen hätte, oder jenes, das man als Hinterbliebener von dieser Person hat? “Als ein guter Bekannter von mir plötzlich bei einem Radunfall ums Leben kam, war seine Facebook-Seite voll mit Erinnerungen seiner Freunde an ihn. Er war ein schräger Vogel, und da war alles Mögliche dabei. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob er das so gewollt hätte”, erzählt Maximilian Schubert.

Das war für den Generalsekretär der ISPA (Vereinigung der Österreichischen Internet-Service-Provider) der Anlass dafür, mit KollegInnen eine Broschüre über den digitalen Nachlass zu verfassen. “Das Thema ist ein sehr breites und die wenigsten machen sich Gedanken darüber, was nach ihrem Tod mit dem digitalen Eigentum passiert. Will der Opa wirklich, dass die Enkerln die Fotos von seiner Ex-Freundin am Computer finden?” Die Problematik ist im Grunde eine Ähnliche wie im “analogen Leben”, man muss entscheiden, was mit Briefen, Fotoalben und Ähnlichem passiert.

Followers vererben: Twitter im Testament?

Auf offiziellen Wegen steckt der digitale Nachlass hierzulande aber noch in den Kinderschuhen. Marion Aitzetmüller von der Österreichischen Notariatskammer sagt ganz offen: “Uns ist zwar seit ein paar Jahren bewusst, dass es da rechtlichen Handlungsbedarf gibt, der Umgang mit Profilen in Social Networks im Testament kann aber zum Beispiel noch nicht so leicht geregelt werden. Wir haben auch noch kaum Fälle dieser Art, da die meisten Jungen gar kein Testament machen.”

Der Tante Mitzi die 1.300 Followers auf Twitter zu vermachen geht also noch nicht per Notar. Am sinnvollsten ist es Aitzetmüllers Ratschlag nach derzeit immer noch, einfach alle relevanten Passwörter und die Wünsche zum Umgang mit dem Inhalt irgendwo zu notieren und einem Freund oder einer Freundin zu sagen, wo sie sich im Notfall befinden.

Tools zur Verwaltung des sozialen Lebens nach dem Tod

Im amerikanischen Raum sind bereits Tools entstanden, die Usern die Organisation des “sozialen Nachlasses” erleichtern sollen. Deadsoci.al etwa verwaltet die Accounts auch nach dem Tod und erlaubt es Usern, “aus dem Jenseits” zu posten: Personen, die zum Beispiel schwer krank sind, können dort Facebook-Postings an ihre Lieben für die Zukunft planen, sei es der 18. Geburtstag des jetzt erst zwei Jahre alten Enkels oder ein jährlicher Gruß am eigenen Geburtstag. Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Fraglich ist nur, ob es Plattformen wie Facebook dann überhaupt noch gibt.

Ob man überhaupt noch lebt, prüft Deathswitch, ein Service, bei dem man in regelmäßigen Abständen auf E-Mails antworten muss. Werden die Mails nicht mehr beantwortet, schickt das Service vorbereitete Informationen an bestimmte Personen. Legacy Locker wiederum ist ein Tool, über das man den gesamten digitalen Nachlass verwalten kann. Die Liste könnte hier noch lange weitergehen, wie seriös die einzelnen Services sind, wäre sicher eine weitere Geschichte wert.

Mit derzeit rund einer Milliarde Facebook-Usern weltweit und einigen weiteren Menschen in anderen Netzwerken wird die Problemstellung sicher wachsen. “Praktisch wäre es sicher, wenn Facebook und andere soziale Netzwerke gleich beim Erstellen des Accounts danach fragen würden, was mit dem Profil nach dem Tod passieren soll. Das kann man natürlich auch nicht beantworten oder selbst ändern”, wünscht sich etwa eine Freundin im Gespräch. Bis dahin bleibt noch der gute alte Spickzettel mit den Passwörtern. (Lisa Stadler, derStandard.at, 4.2.2013)

Social Media Tools #ftw

Heute hatte ich die Ehre den fjum Workshop über Social Media zu besuchen. Gesehen habe ich von Events dieser Art schon ein paar, viele waren leider eine Enttäuschung für mich, da nur die Basics besprochen wurden.

Der Vortragende von heute, Sree Sreenivasan von der Columbia University, hat hingegen Basics mit sehr hilfreichen Infos für “Fortgeschrittene” präsentiert, die ich der werten Leserschaft nicht vorenthalten will. Hier also eine kurze Aufzählung an Tools, die hoffentlich für manche brauchbar sind:

Geofeedia: location based monitoring von öffentlichen (!) Social Media Inhalten

Twiangulate: Influence-Research-Tool für Twitter

Socialflow: analysiert, wann am besten welche Inhalte gepostet werden sollen, gratis Testversion, dann kostenpflichtig

Tweriod: analysiert auch besten Zeitpunkt zum Twittern

(c) Walter Henisch

Links:

Social Media Guide

Mehr Fotos auf der fjum FB-Page

 

Zeitreise: Magazin-Covers zeigen anderen Iran

veröffentlicht auf KURIER.at am 7.5.2012.

Eine Facebook-Page veröffentlicht alte iranische Magazin-Covers und macht so auf den kulturellen Wandel durch das islamische Regime aufmerksam. Zur Bildergalerie geht es hier.

Freizügig gekleidete Frauen, westliche Mode frisch aus Paris und Reportagen über die berühmtesten Fallschirmspringerinnen des Landes. Kaum jemand stellt sich hierzulande so die Inhalte iranischer Frauenmagazine vor. Dass die gesellschaftliche Situation für Frauen im Iran vor nicht allzu langer Zeit anders war als heute, zeigt unter anderem eine Facebook-Fanpage, die Magazin-Covers aus der Zeit der Weißen Revolution (Liberalisierung unter Schah Mohammed Reza Pahlavi 1963-1979) veröffentlicht.

Shabnam (57) und ihre Tochter Nooshin (32)*, zwei Wienerinnen, die 1985 aus dem Iran emigriert sind, erinnern sich an die Zeit vor der islamischen Revolution und wie die Magazine die damalige Gesellschaft widerspiegeln. „Die Zeitschriften enthielten damals auch oft Schnittvorlagen, nach denen man sich die neueste Mode nachschneidern konnte. Meine Familie stammte aus der Mittelschicht, ich konnte mir also keine Designer-Mode leisten, aber selbst nähte ich mir die Imitate, das war gar kein Problem,“ erzählt Shabnam. „Maxijupe oder Minijupe waren damals besonders in. Es dauerte nur wenige Wochen bis der neueste Trend aus Paris in Teheran angekommen war.“

Shabnam wurde 1955 in eine Gesellschaft geboren, die sich im Aufbruch befand. Schah Mohammed Reza Pahlavi orientierte sich stark am Westen und setzte maßgebende Veränderungen durch. Frauen erhielten 1963 das Wahlrecht, wurden erstmals in öffentlichen Ämtern eingesetzt, konnten etwa studieren und alleine reisen. Binnen weniger Jahre wurde der Iran zum Industriestaat. Schiitische Geistliche wandten sich aber gegen die sozialen Reformen. „Natürlich gab es damals Konservative. Die Religion spielte aber keine Rolle im öffentlichen Leben. Sobald du aus dem Haus gingst, war die Religion egal. Die Frauenzeitschriften, die inhaltlich westlich orientiert waren, waren aber ein Dorn im Auge der Konservativen.“

Westliche Popkultur, die in Magazinen wie Banuvan (Frauen) oder Zane Rooz (Frau von heute) vorkam, war kein Fremdkörper für die damaligen Iranerinnen. Shabnams Schwester selbst war Schauspielerin und synchronisierte ausländische Filme. „Wenn du wolltest, konntest du ins Theater, Kino, politische Kabarett oder in Discotheken gehen. Zuhause empfingen wir amerikanisches TV und bekamen etwa die Studentenrevolten oder die Anti-Kriegs-Demonstrationen mit. Wir tranken auch Whiskey, das war ganz normal. Das wichtigste war aber, dass wir keine Angst haben mussten. Die Sicherheit war soweit gegeben, dass man als Frau alleine durch die Straßen gehen konnte. Heute ist das undenkbar“, erinnert sich Shabnam.

“Alles, was erkämpft wurde, war sofort wieder weg.”

Binnen kurzer Zeit schlug die liberale Stimmung aber um. Nach der islamischen Revolution 1979 dauerte es nur wenige Jahre, bis Schrecken und Unterdrückung den Alltag prägten. Das Regime unter Ayatollah Khomeini verfolgte eine antiwestliche Linie. Ein Schlüsselerlebnis hatte Shabnam 1984 an dem Tag, an dem sie ihrer Tochter Kleidung für den ersten Schultag kaufen wollte. „Damals mussten die Frauen schon verhüllt sein, ich trug also Kopftuch und lange Kleidung. Allerdings hatte ich Sandalen an und meine Zehen schauten vorne raus. Die Verkäuferin ließ mich nicht in das Geschäft bis ich mir Strümpfe übergezogen hatte. Und das bei über 40 Grad. Alles, was erkämpft wurde, war sofort wieder weg.“

Nooshin verließ mit ihrer Mutter im Alter von sieben Jahren den Iran. Die zurückgebliebene Verwandtschaft sieht sie zusehends dem Materialismus verfallen. „Es zählt nur mehr das Geld. Du brauchst es um andere zu schmieren und um deinen Status zu zeigen.“ Trotzdem will sie  wieder für längere Zeit zurückkehren, um die Verbundenheit zur Heimat nicht zu verlieren. Ihre Verwandten aber raten ihr jedes Jahr, die Reise zu verschieben. Es sei zu gefährlich, meinen sie. Iraner mit Kontakten ins Ausland haben tatsächlich Verhaftungen zu befürchten. Amnesty International berichtet von verstärkter Unterdrückung der Opposition, insbesondere wird hart gegen Frauenrechtlerinnen vorgegangen. So wurde 2011 etwa Fereshteh Shirazi festgenommen oder die Bloggerin Somayeh Tohidlou wegen Präsidentenbeleidigung zu 50 Peitschenhieben verurteilt. Frauenmagazine im Stil der 70er Jahre gibt es heute nicht mehr, der Iran liegt auf Platz 175 auf der Rangliste der Pressefreiheit (Bericht 2011 und gehört somit zu den reppresivsten Staaten weltweit. Oppositionelle Facebook-Gruppen und –Pages oder die Seite „Old Iranian Magazine Covers“ sind kleine Versuche zumindest auf die Missstände aufmerksam zu machen.

*Namen von der Redaktion geändert.

Netzroman: Kreative in den Klauen der Industrie

Veröffentlicht auf KURIER.at am 19.3.2012.

Warum eine permanent kommunizierende Gesellschaft die Politik auf den Kopf stellen wird, erzählt der Politiker Michel Reimon in “Incommunicado”.

Was für ein Timing: Dass das Thema Urheberrecht die Massen beschäftigen würde, hätte vor ein paar Jahren wohl kaum jemand gedacht. Michel Reimon traf aber genau ins Schwarze und begann an einem Roman zur Thematik arbeiten. Jetzt, wo die Bürger wegen ACTA auf die Straße gehen und die Zeit mit “Ist das Urheberrecht die neue Atomkraft”titelt, wird sein Buch veröffentlicht. Dabei war er bereits 2009 fertig – der Roman über eine kleine Band, die in einen Rechtsstreit mit einem großen Konzern gerät, erzählt Reimon im Gespräch mit KURIER.

David gegen Goliath, Kreativität gegen die Klauen der Industrie, die sich in digitalen Zeiten nicht mehr anders zu helfen weiß als wie wild um sich herumzuklagen. Doch dann machte Reimon einen Fehler, zumindest was die Vermarktung seines Buchs angeht: Er wurde Spitzenkandidat der Grünen bei der Landtagswahl im Burgenland 2010. Und somit für Verlage als Autor uninteressant. Bücher von aktiven Politikern verkaufen sich meistens schlecht, aber Romane von Politikern verkaufen sich gar nicht. “Überlegen Sie doch mal: Würden Sie einen Roman von einem Politiker kaufen?” sagte die Literaturagentin zu Michel Reimon.

Brauchen wir in Zukunft noch Verlage?

“Macht nichts”, dachte sich Reimon und entschied sich schlussendlich dazu, “Incommunicado” (nicht fähig, mit der Außenwelt zu kommunizieren), so der Titel des Werks, selbst zu veröffentlichen. Ohne Verlag, nur digital und auch noch gratis. Idealistischer Autoren-Selbstmord? Nicht unbedingt – ist Reimon doch einer der wenigen hierzulande, die online gut vernetzt sind und dadurch die Öffentlichkeit erreichen können. Ganz ohne Verlag als Multiplikator. Mit rund 5.000 Followers alleine auf Twitter und einem gut gewarteten Blog ist er im kleinen Österreich schon vorne mit dabei. “Ein Manuskript abzulehnen und in Schubladen vergilben zu lassen – das ist ein altes Konzept. Das hat keine Zukunft. […] Ich will meine Arbeit diskutieren, mit möglichst vielen Menschen”, schreibt Reimon auf seinem Blog.

Eine absurde Handlung, die gar nicht so absurd ist

Worum geht es also genau in “Incommunicado”? Temporeich und unterhaltsam wird die Geschichte eines Musikjournalisten erzählt, der eine Band kennenlernt, die eine Schweigeminute im Repertoire hat. Gleichzeitig arbeitet die Musikindustrie gerade an einem neuen Geschäftsmodell: Nachdem mit dem Verkauf von Musik kein Geld mehr zu machen ist, sollen so viele Nutzungsrechte für Werke wie nur möglich gekauft werden um dann klagen zu können, wenn jemand anderer auf das Ursprungswerk verweist, eine zentrale Verwaltungsstelle für Coverversionen und Samples also. Im Buch heißt es: “Wir kassieren nicht mehr bei den Konsumenten, sondern bei den Bands. Wir werden uns nicht mehr damit aufhalten, die illegalen Downloads zu bekämpfen. Das ist ohnehin ein Guerillakrieg, für den wir viel zu schwerfällig sind.”Die Schweigeminute der Band im Roman wird also zum Klagsfall. Denn nach der Logik der Industrie verletzt die Schweigeminute die Rechte an der Vervielfältigung von John Cages “4’’33″ aus dem Jahr 1952. Im Stück des Experimentalmusikers Cage wird vier Minuten und 33 Sekunden lang kein einziger Ton abgespielt. Klingt absurd? So abwegig ist das gar nicht: Mike Batt wurde 2002 von John Cages Erben verklagt, weil er das Stück “One Minute Silence” veröffentlicht hatte. Am Ende stellte sich aber heraus, dass die Klage ein PR-Gag war um Batts Werk zu pushen. Ganz ähnlich geht es in “Incommunicado” zu: Die Band wird verklagt, wehrt sich und wird durch die Auflehnung gegen die bösen, großen Konzerne und ihre Forderung auf das “Recht auf Schweigen” so bekannt, dass ihnen eine eigene Bewegung folgt.

Phänomene wie die ACTA-Proteste zeigen, dass der Diskurs um Internet als öffentlicher Raum und Datenschutzbestimmungen kein Randthema mehr ist. Die Fronten sind so verhärtet, dass eine sinnvolle Diskussion zur Zeit kaum möglich ist: die einen wollen ein freies Internet und neue Geschäftsmodelle für die Industrie, die anderen sehen die Existenz einer riesigen Branche gefährdet. Wie so ein neues Geschäftsmodell aussehen könnte, wo die User es gewohnt sind, Filme, Musik, Bücher gratis downzuloaden, weiß allerdings auch noch niemand so wirklich. Höchstens Anbieter wie flattr sind kleine Schritte in eine neue Richtung. Erst am 9. März 2012 sorgte etwa die Band Deichkind in Deutschland für Aufsehen. Nachdem ihr Musikvideo zum Track “Leider geil” gesperrt wurde, posteten sie auf Facebook: “Sooo, “Leider geil” ist jetzt auch gesperrt. Ob Plattenfirma, Youtube oder GEMA, egal wer dafür verantwortlich ist. Wir wollen, dass unsere Videos zu sehen sind. Regelt euren Scheiß jetzt endlich mal und macht eure Hausaufgaben. Ihr seid Evolutionsbremsen und nervt uns alle gewaltig..” Am 17. März hat dieses Posting 31.728 Likes, 3.834 Shares sowie 1.513 Kommentare – und das Video ist aufgrund der Proteste der Fans schon längst wieder zugänglich gemacht worden.

“Netzpolitik ist einer der größten politischen Umbruchbereiche der nächsten Jahrzehnte. Es ist mindestens so bedeutend wie damals das Aufkommen der Umweltpolitik. Deswegen habe ich mich auch im Roman diesem Thema gewidmet”, meint Reimon im Interview mit dem KURIER. “Wir als Gesellschaft müssen uns massiv überlegen, wie wir mit geistigem Eigentum in Zeiten der Vernetzung umgehen. Ich bin nicht dafür, dass alles gratis ist. Möglichst viele Kreative sollen von ihrer Arbeit leben können. Das Problem ist, dass wir uns auf einen anderen Extrempunkt zubewegen. Und damit beschäftigt sich mein Roman.”

Auf die Frage, warum er denn nicht ein Sachbuch dazu verfasst hat und stattdessen einen Roman geschrieben hat, sagt der Autor: “Ich habe am Anfang Einstiege in einzelne Artikel für ein Sachbuch zu dem Thema geschrieben – und sie waren die schlechtesten Texte, die ich je verfasst habe, wirklich erbärmlich schlecht. Nach dem Scheitern am Sachbuch kam mir die Idee, das als Roman anzugehen. Ich dachte mir, das ist eine einfache Form, ich habe keine Längenbegrenzungen und keinen Abgabgetermin. Außerdem kann man mit der unterhaltsamen Form des Romans die Informationen viel besser vermitteln. Ich habe versucht so viel Information unterzubringen wie nur möglich. ‚Incommunicado’ ist also bewusst ein halbes Sachbuch.”

Michel Reimon (40) war 2002 Pressesprecher der Initiative STOPP GATS und veröffentlichte sein erstes Buch “Days of Action”. Zusammen mit Christian Felber folgte 2003 das “Schwarzbuch Privatisierung. 2004 trat er den Grünen bei und wurde Pressesprecher des burgenländischen Landesverbandes. Seit Februar 2012 ist sein Roman “Incommunicado” (581 Seiten) auf reimon.net kostenlos ohne DRM downloadbar.

Wahl 2.0: Hat Russland im Netz gewählt?

Veröffentlicht auf KURIER.at am 7.3.2012.

Während sich die Opposition geschickt im Netz bewegt, hat Putin damit noch zu kämpfen.

Eine ältere Dame im dicken Pelzmantel liest auf ihrem iPad, ein paar Plätze weiter dreht ein Mann mit seinem Smartphone ein Video von einer Frau, die offensichtlich nicht ganz bei Sinnen die Nationalhymne kreischt. Und das schon seit drei Minuten. Eine andere Frau versucht all das zu ignorieren und vertieft sich in ihren Kindle. So geht es zu an einem ganz normalen Tag in der Moskauer Metro. Das Internet und die sozialen Netzwerke haben die Großstädte Russlands schon längst erreicht, und zwar mit einer Rasanz, die sonstige Anachronismen des Landes oft noch mehr hervorhebt. Die Waggons der Metro sind zwar alt, das kostenlose W-Lan für das gesamte Netzwerk der in den 30er-Jahren gebauten U-Bahn ist aber schon in Arbeit. “Wir brauchen ja sonst nichts Wichtigeres”, kommentiert der junge Moskauer Ildar ironisch das geplante Service für die Bürger.

Er selbst ist aber bei jeder Gelegenheit online. Die Wahlen zum Beispiel – erstmals per Webcams in allen Wahllokalen per Internet verfolgbar – wurden zum Online-Hit. “Ruf mich an, bevor du den Raum betrittst! Registriere dich am besten beim Mädchen in der Mitte, da sehe ich dich am besten”, befiehlt Ildar seinen Freunden, damit er einen Screenshot von ihnen beim Einwerfen des Wahlzettels in die Urne machen kann. Die Fotos werden sofort auf Facebook, Twitter oder dem speziell in Russland beliebten Netzwerk VKontakte gepostet – so wie die meisten anderen mehr oder weniger wichtigen Informationen aus seinem Leben auch. Dass die sozialen Netzwerke also auch als Informationsquelle und Austauschmöglichkeit vor der Wahl dienten, versteht sich von selbst.

Opposition im Netz

Ildar kennt sich im Netz aus.Bei der Web 2.0-Präsenz hat die Opposition die Nase vorn. Der Blogger Alexej Nawalny etwa, einer der Köpfe der Protestbewegung, nützt das Web effektiv für seine Ziele. Die kritische Moderatorin und Journalistin Xenia Sobtschak hat 380.000 Followers auf Twitter und Portale wie OpenSpace.ru, Slon.ru, LiveJournal.ru (das Medium Nawalnys) oder Snob.ru (im Besitz von Kandidat Prochorow) posten ihre Informationen wenn nötig im Minutentakt in den sozialen Netzwerken.

Die Oppositionsbewegung weiß auch mit der Produktion und Vereinnahmung von Memen umzugehen, Internet-Phänomenen, die sich von selbst weiterverbreiten: Ein Montage-Video, wo Putin hinter Gittern vor der Anklage zu sehen ist wurde etwa schon über fünf Millionen Mal gesehen. Wenige Minuten, nachdem Putin mit Tränen im Gesicht seine vorzeitige Siegesrede hielt, kursierte bereits ein Screenshot davon auf Facebook. Die Unterschrift des Bildes lautet “Moskau glaubt den Tränen nicht” – gleichzeitig der Titel eines sehr bekannten sowjetischen Filmes. Einen Tag danach war der Spruch schon auf den Protestplakaten zu sehen.

Brachland

Diese Dynamik haben die Anhänger von Putin noch nicht verstanden. Es wird vorrangig mit allen möglichen Mitteln versucht dem Austausch im Netz ein Bein zu stellen. So wurden einige der oben genannten Portale bei der Parlamentswahl im Dezember kurzfristig blockiert, auf Twitter war die Rede von Fake-Accounts, die wirre Informationen zu Demos posten und es gab einige Hacker-Angriffe auf Oppositionelle, um sie mit der Veröffentlichung prekärer Infos bloßzustellen. All das sind zwar kurzfristig effektive Möglichkeiten um etwas Unruhe zu stiften, zielt aber nur auf Unterbindung ab. Das Gegenteil davon, also die effektive Mobilisierung der Massen mithilfe des Internets generell und der sozialen Netzwerke im Speziellen ist noch Brachland in Russland.

Zwar tut sich wie oben beschrieben vor allem auf oppositioneller Seite schon einiges, gezielte und sehr große Aktionen speziell für die sozialen Netzwerke wie sie es beim Obama-Wahlkampf schon 2008 gab, waren noch nicht da. Wer in Russland dieses Potenzial in den nächsten Jahren nützt, wird es wesentlich leichter haben beim Spiel mit der Macht. Voraussetzung für das Machtspiel ist aber überhaupt das Zulassen der demokratischen Mechanismen der sozialen Netzwerke. Am Umgang Putins damit werden wir mitunter sehen, welche Richtung eingeschlagen wird.

Sound:Frame: Erst die Theorie, dann die Party

Am Donnerstag präsentierte das Sound:Frame Festival das Programm für 2012. Thema ist von 12.-22.4. das “Substructions” – Rahmenbedingungen.

Veröffentlicht auf KURIER.at am 2.3.2012.

Eva Fischer sattelte bei der Programmpräsentation für das “Festival for audiovisual expressions” das Pferd von hinten auf: Die Intendantin des Sound:Frame Festivals für audiovisuelle Kunst bedankte sich bei ihrem Team und stellte jeden einzelnen Mitarbeiter mit seiner Tätigkeit kurz vor. Nicht ohne Grund drehte sie die klassische Dramaturgie einer Pressekonferenz um: Bei der sechsten Ausgabe des Sound:Frame stehen nämlich der Unterbau, die Rahmenbedinungen, die “Substructions”, wie das Festival es selbst etwas sperrig benennt, im Zentrum. Das Thema habe sich ergeben, meint Eva Fischer, denn gerade dieses Jahr müssen viele Festivals mehr als sonst mit den Rahmenbedingungen auseinandersetzen, die ein Event überhaupt ermöglichen. Bei einigen kleineren Festivals ziehen Sponsoren ihre Gelder zurück, A1 hat etwa beim Crossing Europe Festival einen Rückzieher gemacht – und auch das Sound:Frame muss wegen ausfallender Unterstützungen kleiner werden. Statt fetten Locations wie der Ottakringer Brauerei und Party-Bim dorthin weicht man in den kleinen Morrison Club, ins Fluc, oder ins Brutaus.

Programm: Mehr Theorie, weniger Party

Inhaltlich teilt sich das Festival auf die Schwerpunkte Ausstellung, Konferenz und Live-Programmierung auf. Neu ist dieses Jahr die Ausstellungslocation MAK, die durch den jahrelangen Sound:Frame-Unterstützer und MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein zustande kam.

Zeit für das fröhliche Namedropping: Von 12.-29.4. zeigen im MAK die Künstler Robert Henke aka Monolake, Herman Kolgen, Tarik Barri, Rainer Kohlberger, depart, Jan Jelinek und Karl Kliem ihre neuesten Auseinandersetzungen mit Visuals. Dazu erscheint ein Katalog, in dem auch Textbeiträge rund um das Thema Nachhaltigkeit Platz finden. Als Inhaltsspender konnten unter anderen Thomas Weber vom Biorama Magazin und Christian Höller von der springerin gewonnen werden – sie sind mit anderen Who-is-Whos der österreichischen Kulturszene auch bei den Vorträgen und Diskussionen, die während des Festivals stattfinden, mit dabei. Von den rund fünfzig Artists, die bis jetzt für das Live-Programm feststehen, gehören musikalisch John Talabot (Permanent Vacation, Young Turks/Barcelona), Taylor McFerrin (Brainfeeder/NYC) und ein Showcase des Boiler Room zu den Highlights. Auf der Visuals-Seite, die ja beim Sound:Frame im Zentrum steht, setzt man heuer stark auf heimische Artists: Strukt, ENSCHA, kon.txt, LWZ oder Bildwerk sind mit mit von der Partie, aus Berlin kommen Gezwinele les Günfiés und eyefatiguè.

Das Sound:Frame wird erwachsen

War das Sound:Frame vor ein paar Jahren noch ein Musikfestival, das die Visuals in den Vordergrund stellte, ist es jetzt ein Kunst- und Theoriefestival mit Partyline. “Das Festival ist mit uns erwachsen geworden.” bestätigt Fischer diesen Eindruck gegenüber dem KURIER. Zum Erwachsenwerden gehört eben leider auch die Auseinandersetzung mit diversen Problemen, in diesem Fall sind es die erschwerten Rahmenbedingungen für Festivals mit Mut zur Nische. Anstatt sie auf Wiener Art niederzunörgeln, wird der Unterbau samt Problemen aufs Podest geholt und zur Rede gestellt. Gut so – und für die gute Party muss dann nach ernsten Diskussionen eben noch härter gearbeitet werden.