Mit Musiker I-Wolf in der Badewanne

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht am 30.11. auf KURIER.at

Wolfgang Schlögl, bekannt mit der Band Sofa Surfers oder mit seinem Solo-Projekt I-Wolf, im Interview über das Musikmachen am Theater.

Wolfgang Schlögl spielt zur Zeit auf vielen Hochzeiten: Im Theater in der Josefstadt sorgt er mit seiner Band Sofa Surfers für die Musik bei Nestroys “Lumpazivagabundus”, ab 4. Dezember ist seine Theatermusik wieder in Matthias Hartmanns Nestroy-gekrönter Inszenierung von “Krieg und Frieden” zu hören. Derzeit probt der musikalische Wunderwuzzi gemeinsam mit Ursula Strauss (“Schnell ermittelt”), Gerald Votava und Christian Dolezal (beide in “Die Schlawiner”) für die Bühnenadaption einer Gedichtesammlung von Christine Nöstlinger, die Anfang 2012 im Rabenhof Theater Premiere feiern wird. Bei dem Stück sitzt I-Wolf mit seinem Equipment in einer Badewanne. KURIER.at besuchte ihn in einer Probenpause und fragte den Musiker, wie es dazu kam und sprach mit ihm über die Rolle der (Pop-)Musik im zeitgenössischen Theater, seine aktuellen Projekte und Abenteuer in Sankt Petersburg.

KURIER: Die Hartmann-Inszenierung von “Krieg und Frieden” dauert ganze fünf Stunden. Kein Wunder, bei der Dramatisierung eines 1.500-Seiten-Romans. Jetzt mal ehrlich, haben Sie das Buch von der ersten bis zur letzten Seite gelesen?
Wolfgang Schlögl: Wir haben drei Monate lang geprobt und währenddessen hat man es dann gelesen. Ich habe das Buch nie linear von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, aber ich habe mir dann am Schluss auch jene Seiten zu Gemüte geführt, die wir im Stück ausgelassen haben. Es ist in Wahrheit ein toller Workshop gewesen, der auch die Langzeitwirkungen, die die Französische Revolution mit sich gebracht haben, beleuchtet.

Was nehmen Sie von der Arbeit mit Tolstojs Epos mit?
Es erzählt einem die Geschichte einer Zeitenwende. Es geht um eine dekadente, abgehobene und überzogene Gesellschaft, die einen Krieg geführt hat, der Millionen Menschen betroffen hat, bis ihnen dann selbst der Tod bis zum Bauchnabel gestanden ist. Da muss man an die Jetztzeit denken. Das ist nicht nur ein Kostümschinken in “pseudo-cinemascopischer” Form, sondern die Faszination entsteht auch dadurch, dass hier eine Zeitenwende passiert. Das lugt in unserer Zeit auch hervor: Ein Empire geht zugrunde, ein neues kommt. Aber was kommt da und welche Werte wird es da geben? Als Musiker ist es für mich ein Luxus und eine wichtige Sache, sich genau über solche Dinge Gedanken zu machen und daraus Klänge zu schöpfen.

Wie bereitet man sich als Musiker auf so ein Riesenteil vor?
Es gibt zwei Ebenen: die theoretische, wo einem der Regisseur seine Wünsche sagt, zum Beispiel: “Ich hätte gerne, dass du auf der Bühne stehst und auf DJ machst”. Dann sage ich: “Ok, das würde bedeuten, ich arbeite mal an der Musik und dann pressen wir das auf Schallplatten.” Ab dann bin ich einfach der DJ. In Wahrheit sitze ich aber da und arbeite an Klängen, höre mir Musik aus der Zeit an und verwende dann auch Teile dieser Stücke. Dann nehme ich das Textbuch und muss schauen, dass sich das mit den Textlängen ausgeht. Im besten Fall fällt das den Leuten nicht auf und sie denken nur “Ah, das ist Schostakowitsch”. Dass ich da aber gesessen bin und feingetuned habe, bis sich das mit dem Text ausgeht, das weiß natürlich keiner. Wenn sich dann der Text in der letzten Minute ändert, dann sitze ich ziemlich blöd da, das ist alles schon dagewesen. Generell arbeite ich bei “Krieg und Frieden” mit drei Plattentellern, zwei Effekten, das Klavier kommt noch rein, die Stimmen werden teilweise mit Effekten belegt, ich habe eine Pauke, eine Melodika, eine Orgel und das spiele ich alles in fünf Stunden, also quasi ein One-Man-Orchester mit einem wunderbaren Pianisten, dem Karsten Riedel.

KURIER: Sie gaben mit “Krieg und Frieden” auch Gastspiele. Wie ist das Stück im Ausland angekommen und wie waren die Erlebnisse dort?
Ganz interessant war es in Sankt Petersburg – quasi am Originalschauplatz von “Krieg und Frieden” – zu spielen. Das Marinskij Theater kommt auch im Buch vor. Es war natürlich klar, dass wir nur einen bestimmten Teil von der Stadt sehen, die Randbezirke haben wir nie zu Gesicht bekommen. Dass das nichts mit der Lebensrealität der meisten Menschen zu tun hat, ist mir klar. Am ersten Abend waren hauptsächlich Repräsentationsmenschen da, da sind auch nach der zweiten Pause die meisten einfach gegangen. Der zweite Abend war studentisch geprägt und das war super. Was man auch sagen muss: In Russland wird sehr intensiv gefeiert, auch das haben wir nicht ausgelassen, nicht zuletzt um dem Druck ein Ventil zu geben.

Prag war ja auch ein Tourstopp …
Ja, das deutschsprachige Theaterfestival in Prag war auch super, das spielten wir in der Filmstadt, wo auch TV-Schinken wie “Die Borgias” gedreht werden. Plötzlich kriegt man ein Gefühl dafür, warum Österreich bei vielen Projekten das Nachsehen hat. Die haben sich dort eine Infrastruktur hingestellt, bei der wir nicht mithalten können: Legebatterien voll von Postproduction-Studios, bestens ausgerüstet. Die haben uns beinhart abgehängt. Wir hätten die Chance gehabt, wir hätten nur schlau sein müssen. Es würde auch unserer ganzen künstlerischen Szene gut tun.

KURIER: Was ist für Sie das besondere beim Musikmachen für Theaterproduktionen?
In der Arbeit versucht man, jeder Disziplin, die da mit eingebunden ist, ihren Raum zu geben. Die Szenen müssen so ausgeführt werden, dass die Charaktere atmen können. Die Musik ist wichtig, darf aber nicht dominieren. Das sind alles ganz feine Dinge und für mich als Musiker ist ganz generell wichtig, wo das spielt und welche Figuren vorkommen. Was man aber auch sagen muss: Ich habe das Gefühl, dass die Regisseure oft einen sehr konventionellen Musikbegriff haben. Das heißt: Bei einem Pianisten, der sich hinsetzt und Billy Joel spielt und die Schauspieler singen dazu, da komme ich nicht mit. Ich arbeite viel konzeptioneller, ich brauche auch länger, schaue mir den Raum an und so weiter. Einmal habe ich zum Beispiel mit der Klimaanlage gearbeitet. Da habe ich Bändchenmikrofone installiert und den Sound während eines Monologs einfach immer lauter werden lassen. Am Ende des Monologs macht die Schauspielerin die Tür zu – und Zack, war der Sound weg. Die Leute haben plötzlich alle laut durchgeatmet. Das war alles Teil der Arbeit – das ist für mich Musik. Das sind auch Dinge, die die Schauspieler zum Beispiel gar nicht wirklich mitkriegen und auch das Publikum nicht bewusst, aber es wirkt definitiv.

Aktuell proben Sie für “Iba de gaunz oamen Leit” von Christine Nöstlinger, das von Anatole Sternberg und Matthias Jodl umgesetzt wird.
Ja, ich spiele ein bisschen mich selbst vor 10 Jahren, auch eine Existenz im Gemeindebau. Ich bin meistens irgendwann am Nachmittag aufgestanden, ich hab’s nie zum Billa geschafft, bin dann immer zur Tankstelle einkaufen gegangen. Das ging ein paar Jahre lang so und mein Arbeitszyklus hat sich dann so entwickelt, dass ich bis fünf Uhr in der Früh gehackelt hab und mich dann in die Badewanne gehaut hab. Und genau das spiele ich jetzt. Es fängt an um fünf Uhr in der Früh, die Omi sitzt schon am Küchentisch, ich lass grad die Badewanne ein und geh rein.

Gerald Votava (links) und Anatole Sternberg (rechts)

Im Prinzip wird in der Nöstlinger-Adaption das Dasein von vier Charakteren gezeigt, die in prekären Verhältnissen leben, wie schaut hier der musikalische Ansatz aus und inwiefern unterscheidet er sich von der Arbeit an einem Ziegel wie “Krieg und Frieden”?
Wenn ich da in der Badewanne sitze und mit meinen Geräten arbeite, dann ist das das rudimentärste Setup, da gibt es eine Orgel, einen Beat, ein Klopfen und mit diesen wenigen Sachen muss ich die Emotion erzeugen können. Wenn nicht, dann ist das Lied schlecht. Reduktion ist mir ganz wichtig. Ich mache mir für jedes Projekt eine Art Vokabular, in meiner Sologeschichte geht es im Gegensatz dazu um fiebriges Ensemblespiel und Cluster. Das bedeutet eine Überforderung. Hier geht es ums Gegenteil. Ähnlich verfahren wir bei “Krieg und Frieden”, wo zum Beispiel ein einfaches Klopfen auf den Tisch den Marsch der Soldaten darstellt.

Was wollen Sie mit diesen Stilmitteln ausdrücken?
Generell sehe ich meine Arbeit im Zeichen der Liebe oder Empathie in Zeiten der Überforderung. Mich interessiert, inwieweit die Emotionalität noch erhalten bleibt in einer Zeit der großen Datenvolumen, Eindrücke, Web-2.0-Kommunikation. Ich möchte mich dem gar nicht verschließen, ich möchte nur ein Augenmerk auf unsere emotionale Verfasstheit legen. Bei dem Stück, das wir gerade proben, geht es mir um die Frage: Wie geht es den Menschen in bildungsfernen Schichten, auf Abstellgleisen? Wie kann man das darstellen ohne sozialpornographisch und voyeuristisch darauf zu schauen? Ich meine, dafür müssen wir den Menschen genug Empathie geben. Ich will nicht nur über die Prolos lachen.

Welche Einflüsse sind künstlerisch für Sie wichtig?
Cy Twombly hat mich als Künstler generell sehr beeinflusst und deswegen scheue ich mich nicht davor, für andere Leute Klanggekrixel zu machen, wenn es adäquat ist. Das bringt mich auch zu dem Punkt: Was sind meine Tonerzeuger? Wir leben ja in einer Welt, wo ich alles reproduzieren könnte. Das ist ein Glück, aber für viele auch ein Fluch, weil man eben alles machen kann.

Und wie unterscheidet sich die Arbeit an den eigenen Platten von der fürs Theater?
Es ist jedes Mal eine neue Welt, egal für welches Projekt. Ich kann eben einfach nicht mit Presets arbeiten, ich kenne Leute, die haben einmal einen Hit und arbeiten dann immer mit Versatzstücken daraus weiter. Ich mache mir eben für jedes Projekt ein eigenes musikalisches Vokabular, das ich dann verwende. Ich würde mir schlecht und billig vorkommen, wenn ich immer mit dem selben Schmäh daherkommen würde. Ich glaube, mittlerweile engagiert man mich auch, weil ich neben meiner musikalischen Tätigkeit auch eine fundierte theoretische Vorarbeit leiste. Das muss einfach sein. Musik kann so vieles sein, und ich bin so glücklich darüber. Mir wird einfach nicht fad.

Wolfgang Schlögls Musik im Theater:

Krieg und Frieden: Premiere am 4.12.2011 im Burgtheater Kasino, weitere Vorstellungen am 5., 6. und 8.12.
Regie: Matthias Hartmann

Der böse Geist Lumpazivagabundus: Theater in der Josefstadt am 12., 16., 18., 27. und 30.12.2011.
Regie: Georg Schmiedleitner

Iba de gaunz oamen Leit: Premiere 17. 1. 2012 im Rabenhof Theater mit Ursula Strauss (schnell ermittelt), Ingrid Burkhard (Ein echter Wiener geht nicht unter), Gerald Votava (FM4), Christian Dolezal (Donnerstag Nacht/Schlawiner)
Regie: Anatole Sternberg